Eine unsichere Welt

Viele Menschen beklagen sich darüber, dass die Zukunft unsicher ist. Nicht wenige meinen sogar, dass sie immer unsicherer wird. Ein gewisses Maß an Sicherheit ist sicher wünschenswert. Das Sicherheitsbedürfnis ist im Menschen tief verankert und sein Ursprung, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, auch leicht zu verstehen. In grauer Vorzeit waren die natürlichen Gefahren so zahlreich, dass es von überlebenswichtiger Bedeutung war, sozusagen dauernd auf der Hut vor solchen Gefahren zu sein (wilde Tiere zum Beispiel). Heute sind die Verhältnisse aber grundlegend anders und daraus ergibt sich ein doppeltes Problem. Einerseits verhalten sich viele Menschen immer noch so, als hätte sich innerhalb der letzten paar tausend Jahre gar nichts geändert. Ihr Sicherheitsinstinkt der, wie oben angedeutet, aus evolutionären Gründen tief in ihnen verankert ist, schreibt ihnen sozusagen vor, dass sie sich gegen allmögliche Gefahren absichern obschon, objektiv betrachtet, die Zahl der potenziellen Gefahren deutlich abgenommen hat. Und andererseits verstehen die Meisten nicht, dass es erstens einmal gar nicht möglich ist, sich gegen alles abzusichern (eine Vollversicherung fürs Auto ist kein Schutz dagegen, dass ein anderer, unvorsichtiger Fahrer Sie in einen folgenschweren Unfall verwickeln kann und auch nicht dafür, dass Sie eine Treppe hinabstürzen und sich das Genick brechen können) und zweitens eine Welt, in der alles sicher ist, gar kein erstrebenswertes Ziel sein kann, denn ein Leben, in dem alles absolut sicher ist, gar kein richtiges Leben mehr ist. Um das zu verstehen, braucht man sich nur einmal vorzustellen, wie das eigene Leben ablaufen würde, wenn alles absolut sicher wäre. Beispiel: Sie sind 45 Jahre alt. Sie haben die absolute Sicherheit, dass Sie noch weitere 45 Jahre leben werden, dass Sie mit 65 Jahren in Rente gehen, dass Sie nie einen folgenschweren Unfall mit dem Auto haben, dass Sie bis zum Ende Ihres Lebens mit Ihrem Lebenspartner zusammen bleiben (für Viele sicher ein erstrebenswertes Ziel, das aber bedeutungslos wird, wenn es schon von vornherein garantiert ist), dass Sie nie krank werden usw. Sie sehen schon: die Spannung und der Reiz des Lebens sind Komponenten, die in solch einer Welt keinen Platz mehr haben. Der Risikofaktor und ein gewisses Maß an Unsicherheit sind eben grundlegende Eigenschaften des Lebens schlechthin. Wenn diese Eigenschaften nicht mehr da sind, ist tatsächlich alles vorbestimmt. Darüber hinaus sollten wir sogar froh und dankbar sein, dass wir in einer unsicheren Welt leben. Denn genau diese Eigenschaft des Lebens lässt uns den notwendigen Freiraum, die Zukunft zu gestalten und uns unserer Verantwortung bewusst zu werden (Ausschnitt aus “Das ist unsere Welt” ; Paperback, 356 Seiten).

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