Das Energieproblem

Um das Energieproblem richtig einschätzen zu können, muss man unterscheiden zwischen konventionellen Energieträgern (Erdöl, Erdgas, Kohle und Kernenergie) und erneuerbaren Energieträgern (Wasserkraft, Windenergie, Solarenergie, Biomasse und Geothermie, also Erdwärme). Die ganze Debatte um das Energieproblem dreht sich nämlich in der Hauptsache darum, welche Rolle und welchen Anteil diese zwei unterschiedlichen Typen von Energiequellen in der Zukunft spielen werden (oder sollen), und natürlich auch, ob insgesamt die weltweiten Ressourcen ausreichen, um dem Großteil einer wachsenden Weltbevölkerung auch in Zukunft einen angemessenen Wohlstand zu ermöglichen. Welche Rolle Kohle, Erdöl und Erdgas für die globale Erderwärmung, also den Klimawandel spielen und was davon zu halten ist, wird in einem späteren Kapitel zur Sprache kommen.

Eine Antwort auf die Frage, welche Rolle den fossilen Brennstoffen in den nächsten 20-30 Jahren zufallen wird,  liefert uns schon eine erste Betrachtung der Fakten im Zusammenhang mit der weltweiten Stromerzeugung. Die derzeit zur Stromerzeugung verwendeten primären Energiequellen (elektrischer Strom wird als Sekundärenergie bezeichnet) sind zu 64% fossile Brennstoffe (also Erdöl, Kohle und Erdgas) und zu 17% Uran (Uran wird zum Betreiben von Kraftwerken benötigt). Nur 19% der weltweiten Stromerzeugung verdanken wir zurzeit den erneuerbaren Energiequellen.

Dasselbe Bild bietet sich bei der Betrachtung des weltweiten Energiemixes insgesamt. Ob zur Erzeugung von Strom oder zur Herstellung von Treibstoffen für Fahrzeuge, der Anteil der fossilen Brennstoffe (inklusiv Uran) wird laut Einschätzung der Internationalen Energie Agentur (IEA) auch im Jahr 2035 noch bei rund 75% liegen. Wir werden also weiterhin (auf jeden Fall über die nächsten Jahrzehnte) hauptsächlich auf die fossilen Brennstoffe angewiesen sein.
Des Weiteren besteht kein Zweifel an der Tatsache, dass der weltweite Energiebedarf innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte weiter stark ansteigen wird. Die IEA rechnet mit einem Anstieg von durchschnittlich 1,5% pro Jahr bis 2030. Der 61jährige, ausgebildete Raumplaner Daniel Cattin, schreibt in seinem Buch «Unheimliche Zukunft – wie die nächsten 40 Jahre unsere Welt verändern», dass die Einschätzungen der IEA mit sehr großer Wahrscheinlichkeit sogar zu tief angelegt sind, aufgrund der Tatsache, dass das Wirtschaftswachstum der meisten heutigen  Entwicklungsländer in den nächsten zwei Jahrzehnten stärker ausfallen wird, als allgemein angenommen.

Gleich mehrere Faktoren, wie die beschleunigte weltweite Verbreitung von Bildung, Wissenschaft und moderner Technologie, der allgemeine Geburtenrückgang, die zunehmenden Direktinvestitionen in diese Länder, sowie die Intensivierung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen Ländern werden dafür sorgen, dass bis ins Jahr 2030 mehrere Milliarden Menschen zusätzlich in so genannten wohlhabenden Ländern leben werden, also auch einen dementsprechenden Lebensstil haben werden. Länder wie China, Indien, Südkorea und Brasilien haben gezeigt, dass es möglich ist, sich innerhalb von ein paar Jahrzehnten mit einer unternehmerfreundlichen Wirtschaftspolitik zunehmend in den Weltmarkt zu integrieren und so hunderten von Millionen Menschen aus der Armut zu verhelfen. Dieser Prozess, also die progressive Überführung zahlreicher Entwicklungsländer in die Liga der wohlhabenden Länder, hat laut Aussagen Cattins gerade erst begonnen: «Niemals in der Geschichte der Menschheit waren so viele Länder mit so vielen Menschen gleichzeitig an einem so gewaltigen Aufbauprozess beteiligt».

Dass die Zahl der wirtschaftlich aufstrebenden Länder sich innerhalb der letzten drei bis vier Jahrzehnte erstaunlich schnell vergrößert hat, ist übrigens in der breiten Öffentlichkeit meist wenig bekannt. Die Unterteilung der Welt in moderne Industriestaaten einerseits und Entwicklungsländer andererseits (also eine bipolare Darstellung der Wirtschaftswelt) entspricht demzufolge schon lange nicht mehr der Realität. So machten schon in den 1970er Jahren Südkorea, Hong Kong (damals noch britische Kolonie), Singapur und Taiwan mit ihrem rasanten Wirtschaftswachstum auf sich aufmerksam, indem sie das Wachstumsmodell Japans nachahmten. In den 1980er und 1990er Jahren folgten Länder wie China, Indien, Mexiko und zahlreiche andere. Die jährlichen Wirtschaftsleistungen von Ländern wie Brasilien, Südafrika oder Indonesien sind seit Beginn des neuen Jahrtausends regelrecht explodiert. Und im «African Economic Outlook 2011» der OCDE heißt es, dass die durchschnittliche Wachstumsrate Afrikas für 2012 um die 5,8% liegen könnte. Es kann also kein Zweifel mehr an der Tatsache bestehen, dass der weltweite Energiebedarf in den nächsten Jahrzehnten weiter sehr rasch zunehmen wird.
Hinzu kommt noch, dass auch ein sparsamerer Umgang mit den Energieressourcen in den schon reichen Ländern in Zukunft kaum zu erwarten ist. Daniel Cattin schreibt dazu: «Der Stromverbrauch der Haushalte steigt dementsprechend trotz immer sparsamerer Geräte laufend an. Masse, Luxus und Größe machen die durch verbesserte Technologie und effizientere Energieausnützung erreichten Einsparungen zunichte».

Auch eine Steigerung der Energiepreise wird keine nennenswerte Verhaltensänderung bei den Verbrauchern herbeiführen, da die Wirtschaft in den reichen Ländern ebenfalls in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten weiter wachsen und für mehr Wohlstand sorgen wird, gezogen vom Wirtschaftswachstum in den aufstrebenden Entwicklungsländern.
Schließlich wurde an anderer Stelle schon erwähnt, dass die Tourismusbranche einen stark wachsenden Wirtschaftssektor darstellt. Und dass diese Branche sehr energieintensiv ist, braucht wohl nicht weiter  im Detail erläutert zu werden. Cattin zitiert dazu folgendes Beispiel: ein Überseeflug von Europa nach Amerika hin und zurück benötigt so viel Energie, wie eine afrikanische Großfamilie derzeit durchschnittlich in einem ganzen Jahr verbraucht.
Was haben diese Feststellungen zu bedeuten für den zukünftigen globalen Energiebedarf?
Die Frage, die viele beunruhigt, lautet ja: wie lange werden die fossilen Brennstoffreserven noch ausreichen, um den weltweiten Bedarf zu decken und wird es gelingen, rechtzeitig auf die erneuerbaren Energien umzusteigen?
Mehr zu diesem Thema in: “Das ist unsere Welt

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