Globalisierung und internationale Arbeitsteilung

Ich möchte einmal ausführlicher die Vorteile der Globalisierung und der internationalen Arbeitsteilung erläutern.
Stellen Sie sich folgendes Beispiel vor: zwei Programmierer haben in etwa die gleichen Kenntnisse und Fähigkeiten. Der erste schreibt eine Software, die es ermöglicht, die Buchführung eines landwirtschaftlichen Betriebes zu erledigen. Er arbeitet zwei Wochen daran, jeden Tag 8 Stunden. Während derselben Zeit schreibt der zweite Programmierer eine Software für Architekten, die es ermöglicht, mit dem Computer Baupläne zu zeichnen. Daran arbeitet er ebenfalls 2 Wochen, 8 Stunden täglich. Müssten beide die zwei Programme schreiben, bräuchten sie dazu die doppelte Arbeitszeit, also jeder 224 Stunden, anstatt 112 Stunden im Fall einer Arbeitsteilung. Die Arbeitszeitersparnis für jeden beträgt 112 Stunden. Während der gewonnenen Zeit können beide etwas anderes tun  (an einem weiteren Programm arbeiten oder sich einer Freizeitbeschäftigung hingeben). Man muss es nur einmal so hinschreiben, damit einem klar wird, wie unschätzbar groß die Vorteile der Arbeitsteilung sind.

Der Prozess der Arbeitsteilung (und der sich daraus ergebende Handel) hat vor sehr langer Zeit begonnen, eine enorme Beschleunigung erfahren mit der modernen Industrierevolution Mitte des 18. Jahrhunderts und der Entwicklung moderner Transport- und Kommunikationsmittel und sich dann noch einmal beschleunigt seit den 1980er Jahren durch die zunehmende Globalisierung der Weltwirtschaft. Die Globalisierung ist nichts anderes als die Fortsetzung der internationalen Arbeitsteilung, die es schon seit «ewig» gibt, mit anderen Mitteln. Matt Ridley drückt es in seinem Buch «The rational optimist» (deutsche Version: «Wenn Ideen Sex haben – wie Fortschritt entsteht und Wohlstand vermehrt wird») folgendermaßen aus: «Wohlstand ist nichts anderes als eingesparte Zeit, die wiederum vom Ausmaß der Arbeitsteilung abhängt. Je diversifizierter das Konsumverhalten der Menschen, je spezialisierter ihre Produktionsformen und je intensiver ihr Austausch, desto besser waren, sind und werden ihre Lebensbedingungen sein. Je mehr Menschen an der globalen Arbeitsteilung beteiligt sind, je intensiver die Spezialisierung und der Wissensaustausch, desto größer unser aller Wohlstand». Wie vernetzt die Weltwirtschaft geworden ist, zeigt der Autor an anderer Stelle anhand eines fiktiven und sehr anschaulichen Beispiels (Seite 56). Ich zitiere: «Es ist gerade neun Uhr morgens. In den zwei Stunden seit dem Aufstehen habe ich mit von Nordseegas erhitztem Wasser geduscht und mich mit einem mit aus britischer Kohle gewonnener Elektrizität betriebenen, amerikanischen Rasierapparat rasiert, ich eine Scheibe aus französischem Weizen gebackenes Brot gegessen, bestrichen mit Butter aus Neuseeland und Marmelade aus Spanien, und mir einen Ceylon-Tee aufgebrüht. Meine Kleider sind aus indischer Baumwolle und australischer Wolle, meine Schuhe aus chinesischem Leder und malaiischem Gummi und ich lese eine Zeitung, die mit chinesischer Farbe auf finnischem Holzbrei gedruckt wurde. Hier am Schreibtisch tippe ich auf einer in Thailand hergestellten Tastatur aus Plastik (die vielleicht in einer arabischen Ölquelle das Licht der Welt erblickte), um Elektronen durch chinesisches Kupfer und einen koreanischen Siliziumchip zu bewegen und auf einem von einer amerikanischen Firma entwickelten und gebauten Computer Text zu erzeugen.»


Das Beispiel zeigt in eindrucksvoller Weise, wie fortgeschritten die internationale Arbeitsteilung ist und wie «abhängig» wir von ihr sind. Ohne Globalisierung würde die Welt von heute nicht mehr funktionieren können. Ein Globalisierungsgegner, der sich konsequent ist, kann nicht anders, als sich einen kleinen Bauernhof zuzulegen und alles, was er selbst braucht und verbraucht, selbst herstellt. Tut er das nicht, ist er mit seinen Angriffen gegen die Globalisierung entweder nicht glaubwürdig oder er verstrickt sich in Widersprüche, oder er ist sich eben nicht konsequent, oder er hat nicht richtig verstanden, was Globalisierung ist.
Globalisierung ist nichts anderes als die Beschleunigung innerhalb der letzten 30-40 Jahre von Waren-, Kapital-, Personen- und Informationsströmen weltweit.
Dass die Globalisierung als Ursache für allmögliche Übel, wie Umweltbelastung, Erschöpfung der natürlichen Ressourcen, Klimawandel, Naturkatastrophen und Finanzkrisen herhalten muss, erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass der Begriff der Globalisierung einfach falsch verstanden oder interpretiert wird.
Ich gehe aber mal davon aus, dass in den Köpfen der meisten Globalisierungsgegner genug Klarheit herrscht, um zu wissen, dass man die Globalisierung nicht abschaffen kann, dass es also definitiv nicht realistisch ist, grundsätzlich gegen sie zu sein. So ist die Kritik der Globalisierung denn auch meistens gegen ganz bestimmte ihrer Aspekte gerichtet und nicht gegen sie im Allgemeinen. Aber auch in dieser Hinsicht lässt sich einiges einwenden. Greifen wir also eine der häufig gehörten Kritiken heraus, nämlich die in Bezug auf die Produktionsverlagerungen großer Konzerne. Es besteht kein Zweifel daran, dass die allgemeine Öffnung der Märkte Produktionsverlagerungen erheblich erleichtert und man hört diesbezüglich ziemlich oft den Einwand, dass die Weltwirtschaft zu einem unerbittlichen Positionskrieg geworden ist. Ein Betrieb wird in einem Land geschlossen, um die Produktion in ein anderes Land zu verlagern mit günstigeren Produktionsbedingungen. Billige Arbeitskräfte sind in diesem Zusammenhang meistens der entscheidende (aber nicht der einzige) Faktor. Den Firmen, die solche Verlagerungen durchführen, wird vorgeworfen, sie täten das ohne Rücksicht auf Arbeitsplatzverluste und es ginge ihnen letztendlich nur um die Steigerung des Profits. Die Kritik fällt umso heftiger aus, wenn es sich um Länder handelt, die ohnehin schon von einer höheren Arbeitslosigkeit betroffen sind. Die tatsächlichen Auswirkungen von Produktionsverlagerungen werden aber meistens in Unkenntnis der Dinge weit überschätzt und die globalen positiven Auswirkungen übersehen. Der französische Geograph Jean Christophe Victor weist in einer seiner Sendungen aus der Serie «Mit offenen Karten»(Produktionsverlagerungen: Mythen und Fakten) darauf hin, dass solche Verlagerungen den Firmen die Möglichkeit bieten, die Produktionskosten niedriger zu halten und somit die Konkurrenzfähigkeit transnationaler Firmen auf lange Sicht erhalten bleibt, was letztendlich das Überleben der Firma sichert. Darüber hinaus profitieren die Verbraucher im Ausgangsland von niedrigeren Preisen für die Produkte, die aus dem Ausland eingeführt werden, verfügen also über mehr Kaufkraft. Produktionsverlagerungen werden aus den verschiedensten Gründen getätigt. Die Nähe zu den potentiellen Kunden oder den benötigten Rohstoffen, die Umgehung protektionistischer Maßnahmen, die Verringerung der Transportkosten, aber auch das Vorhandensein einer leistungsfähigen Infrastruktur (also z. Bsp. eines gut ausgebauten Verkehrsnetzes), sowie die Nähe von Forschungszentren und qualifizierter Arbeitskräfte sind einige der entscheidenden Faktoren. So sollen in Deutschland zwischen 1991 und 2001 durch Produktionsverlagerungen nach Mittel- und Osteuropa 90 000 Arbeitsplätze verloren gegangen sein. Das macht aber nur 0,3% der gesamten damaligen deutschen Arbeitsplätze aus und in den betreffenden Ländern haben deutsche Firmen zur Schaffung von 460 000 neuen Arbeitsplätzen beigetragen. Zu bedenken ist des Weiteren, dass Länder wie Deutschland oder Frankreich auch zu den europäischen Ländern gehören, die am meisten Auslandsinvestitionen anziehen. So gab es beispielsweise im Jahr 2004 in Frankreich 490 Investitionsprojekte ausländischer Unternehmen, das sind 17% der gesamten Anzahl in Europa (inklusive Russland). In Großbritannien waren es im selben Jahr 563 Projekte und in Deutschland 164 (darunter zahlreiche chinesische und indische Firmen). Durch die Auslandsinvestitionen im Allgemeinen und die Produktionsverlagerungen im Besonderen entwickelt sich der Handel zwischen den Ländern. Nicht nur die Importe aus den betreffenden Ländern nehmen zu, sondern durch deren wirtschaftliche Entwicklung (Technologietransfer inklusive) steigen auch die Exporte in diese Länder.
Ich bin mir durchaus bewusst, dass ein Arbeitnehmer, der 30 oder mehr Jahre bei einer Firma beschäftigt war und plötzlich nicht mehr gebraucht wird aufgrund einer Werksschließung, da die Firmenleitung beschlossen hat, die Produktion ins Ausland zu verlagern, kein Verständnis hat für solche Überlegungen, aber Produktionsverlagerungen sind nur ein Aspekt der Globalisierung und letztere ist der Motor für steigenden Wohlstand weltweit. In einem Punkt ist die Kritik der Globalisierungsgegner allerdings gerechtfertigt. Die Öffnung der Märkte und die damit verbundene Zunahme des internationalen Handels können sich unter gewissen Umständen negativ auf bestimmte Wirtschaftsbereiche auswirken, den Ruin unzähliger Betriebe zur Folge haben und Millionen Menschen in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Besonders hart trifft es in bestimmten Fällen die zahlreichen kleinbäuerlichen Betriebe, die mit wenigen Hektar Land auskommen müssen. So hat die Unterzeichnung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens im Januar 1994 (NAFTA) den Handel zwischen den USA, Kanada und Mexiko liberalisiert und unter anderem dazu geführt, dass immer mehr Billigmais aus den USA nach Mexiko exportiert wurde, was zahlreichen mexikanischen Bauern ihre Existenzgrundlage genommen hat. Millionen Kleinbauern konnten nicht mit den niedrigen Preisen des importierten Mais mithalten und mussten ihren Job aufgeben. Viele von ihnen sind in die USA ausgewandert und verdienen nun als Tagelöhner auf kalifornischen Feldern ihren Lebensunterhalt, viele andere sind in den Armenvierteln der mexikanischen Hauptstadt gelandet. Desgleichen überschwemmen hochsubventionierte Agrargüter aus der Europäischen Union die afrikanischen Märkte und treiben Millionen Kleinbauern in den Ruin. Laut einer OECD-Schätzung aus dem Jahr 2004 beliefen sich die Produktions- und Exportsubventionen für landwirtschaftliche Güter aller Industrieländer auf 349 Milliarden US-Dollar. Viele von den afrikanischen Bauern, die der Billigkonkurrenz aus dem Ausland schutzlos ausgeliefert sind, geben auf und machen sich auf die Reise nach Europa. Der Flüchtlingsstrom ins gelobte Land, das somit selbst ein Teil der Ursache für dieses Problem ist, nimmt zu. Natürlich sind solche Entwicklungen zu bedauern. Um sie, trotz liberalisiertem Handel, zu verhindern, müssen die nationalen Regierungen rechtzeitig reagieren und entsprechende Maßnahmen treffen, um spezifische Wirtschaftsbereiche vor der ausländischen Konkurrenz zu schützen. Dass das funktionieren kann, ohne dabei in ein protektionistisches System zurückzufallen, das hat der afrikanische Staat Senegal gezeigt im Zusammenhang mit den Schwierigkeiten zahlreicher Zwiebelbauern, die der Konkurrenz von Billigzwiebeln aus der EU zu sehr ausgesetzt waren. 2006 hat die senegalesische Regierung den Import von Zwiebeln zwischen Februar und Juni verboten, also während der Zeit, wo die Zwiebeln im eigenen Land angebaut und verkauft werden. Seither hat sich die einheimische Produktion mehr als verdreifacht.
Globalisierung, Liberalisierung, zunehmender Welthandel und fortschreitende internationale Arbeitsteilung werden weiterhin in der Lage sein, bessere Lebensbedingungen für die Menschheit zu schaffen, vorausgesetzt, die Politik schafft es, geschickt die nötigen Regulierungsmechanismen einzubauen (wie das derzeit ja auch schon im Finanzsektor geschieht) ohne den reibungslosen Fortgang der Dinge zu sehr zu behindern.
Die Globalisierung lässt sich nicht rückgängig machen, aber die Regeln, nach denen sie funktioniert, lassen sich ändern.
(Ausschnitt aus: Das ist unsere Welt“; 356 Seiten; Paperback)

Lesen Sie auch hier: “Unsere Welt ist seit 1900 viel besser geworden
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