Hoffnung für Afrika

Aus dem Bericht der Vereinten Nationen «Milleniums-Entwicklungsziele 2012» geht hervor, dass in Afrika südlich der Sahara im Jahr 2008 immer noch 47% der Bevölkerung (!!) in extremer Armut lebten (nördlich der Sahara sind es übrigens nur 2%, eine Tatsache, die manchmal übersehen wird, wenn von den Schwierigkeiten Afrikas im Allgemeinen die Rede ist). Bei näherer Betrachtung aber zeigt sich gerade auf dem Kontinent, der immer wieder als Beispiel dafür dient, um zu zeigen, wie hoffnungslos die Lage doch in vielen Regionen der Welt ist, dass die schon am Anfang dieses Buches aufgestellte Behauptung, nämlich die, dass es zahlreiche Gründe gibt, mit Optimismus in die Zukunft zu schauen, sich auch (oder sogar) hier bestätigt. Es geht mir bestimmt nicht darum, die auf dem afrikanischen Kontinent vorhandenen Probleme kleinzureden, ich möchte nur den Blick des Lesers auf das richten, was Hoffnung macht und zeigt, dass es auch in Afrika bergauf geht. In einem Gespräch mit dem renommierten Professor und Unternehmensberater Vijay Mahajan sagte der leitende Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Kenya Airlines, Titus Naikuni, einmal: «Um uns sind so viele negative Geräusche, dass die positiven Geräusche darin untergehen». Obschon die Pessimisten nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Afrika mit einer ganzen Reihe unüberwindlicher Hindernisse konfrontiert ist und noch lange bleiben wird (Korruption, Bürgerkriege, mangelnde Infrastruktur, eine explodierende Bevölkerung, kulturelle und religiöse Konflikte, ungünstige Naturbedingungen usw.), gibt es zahlreiche Anzeichen dafür, dass sich auch auf diesem Kontinent in letzter Zeit vieles ereignet hat, das den Weg in eine bessere Zukunft ebnet. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Afrika den Anschluss an die globalisierte Wirtschaft unter anderem (oder vor allem deshalb) verpasst hat, da nicht genügend multinationale Firmen daran interessiert waren, auf dem krisengeschüttelten Kontinent zu investieren. Dass der Kontinent reich an Bodenschätzen ist, war zwar bekannt, aber die oben erwähnten Probleme haben viele Firmen davon abgehalten, in Afrika Produktionsstandorte zu errichten. Das ist aber seit etlichen Jahren im Begriff sich zu ändern. In Afrika gibt es derzeit einige der größten Infrastrukturbaustellen weltweit, von denen die wichtigsten in der Tabelle Seite 203 angeführt sind und die zusammen eine Investitionssumme von mehr als 8 Milliarden Euro ausmachen. China hat das enorme Potenzial des Kontinents frühzeitig erkannt und ist dabei, seine wirtschaftlichen Beziehungen mit zahlreichen afrikanischen Staaten geschickt auszubauen. Seit Januar 2006 besuchten führende chinesische Politiker mehr als die Hälfte aller afrikanischen Staaten, um den Ausbau der chinesisch-afrikanischen Handelsbeziehungen vorzubereiten und seit Oktober 2000 wurden fünf chinesisch-afrikanische Wirtschaftsforen abgehalten. Innerhalb von nur 15 Jahren (von 1995 – 2011) ist der Aussenhandel zwischen Afrika und China von 3 Milliarden Dollar bis auf 135 Milliarden gestiegen. Mit den USA und Frankreich gehört China derzeit zu den drei wichtigsten Handelspartnern Afrikas. Kritische Stimmen (vor allem aus Europa – entgegen den Chinesen tun sich europäische Staaten immer noch sehr schwer, mit Ländern Geschäfte zu machen, in denen politische Missstände herrschen) zögern nicht, die chinesische Wirtschaftspolitik in Afrika als Neo-Kolonialismus zu bezeichnen, da China vor allem an den afrikanischen Rohstoffen interessiert sei (insbesondere Erdöl, das weit mehr als die Hälfte der chinesischen Importe aus Afrika ausmacht) und nicht genügend Arbeitsplätze vor Ort schaffe, die einheimischen Bevölkerungen also nicht genug von den neuen Wirtschaftsbeziehungen profitierten. Darüber hinaus exportieren die Chinesen billige Fertiggüter nach Afrika (Mofas, Fahrräder, Computer, Fernseher, Kleidung und Büromaterial zum Beispiel), die zum Teil die einheimischen Märkte ruinieren und sich hemmend auf die Diversifizierung der afrikanischen Wirtschaft auswirken. Außerdem sind auf dem afrikanischen Kontinent über 100 000 billige chinesische Arbeitskräfte tätig (zusätzlich zu den mehr als 400 000 Chinesen, die bereits in Afrika leben), die eine Konkurrenz für die afrikanischen Arbeiter sind. Manche Journalisten, die das Thema aufgegriffen haben, zögern sogar nicht, ihre Artikel zu betiteln mit Sätzen wie «Chinesische Investoren kaufen halb Afrika auf» (Axel Springer in «Die Welt» vom 19. Juli 2012) oder «China holt sich Afrika».
Was ist von diesen Vorwürfen zu halten? Mal abgesehen davon, dass manche afrikanische Politiker die Benutzung des Begriffs «Neo-Kolonialismus» geradezu als Beleidigung für Afrika auffassen, da die Afrikaner inzwischen selbst entscheiden, mit wem sie Geschäfte machen wollen (was unter europäischer Kolonialherrschaft sicher ganz anders war) und das chinesische Engagement loben, und dass Titelsätze, wie die beiden oben angeführte, maßlos übertrieben sind und nichts dazu beitragen, die rezenten wirtschaftlichen Entwicklungen in Afrika besser zu verstehen und einzuschätzen, zeigt eine nähere Betrachtung der chinesischen Investitionsprojekte und diverser Handelsfakten tatsächlich eine ziemlich andere Realität als die, die von europäischen Journalisten gerne propagiert wird.  Zahlenangaben der OCDE zum Beispiel zeigen (Die OCDE in Zahlen und Fakten 2011/2012), dass im Jahr 2009 sechzig Prozent des afrikanischen Warenhandels mit OECD-Ländern abgewickelt wurden, davon 12,7% mit den USA, mit China lediglich 13,5%.

Obschon der Handel zwischen Afrika und Nicht-OECD-Ländern in letzter Zeit stark zugenommen hat (vor allem mit China, Indien und Brasilien), bleiben die OECD-Länder (allem voran die Europäische Union) immer noch mit Abstand die wichtigsten Handelspartner auf dem afrikanischen Kontinent. Die Fakten und konkreten Beispiele über größere Investitionsprojekte zeigen auch, dass die Chinesen schon lange nicht mehr die einzigen sind, deren Interesse an Afrika wächst. Im August 2011 berichtete die Website boerse-on-line.de vom indischen Konzern «Spanco» aus Mumbai, dass er plane, Dienstleistungen nach Nigeria, Tansania, den Tschad, Kenia und Burkina Faso auszulagern und davon ausgehe, dass in zwei Jahren knapp die Hälfte des Gewinns der Firma in Afrika erwirtschaftet wird. 50 000 Menschen sollen bis Ende 2013 in Afrika für den Konzern arbeiten. Die Tatsache, dass Investitionen aus Entwicklungs- und Schwellenländern in Entwicklungsländer stark zugenommen haben und sich zum wichtigsten Motor der Globalisierung entwickeln, zeige sich besonders deutlich auf dem afrikanischen Kontinent. Indische und brasilianische Unternehmen zögern weitaus weniger als europäische, in Afrika zu investieren. Sie können die Marktchancen besser einschätzen. Sie kennen zum Beispiel die Konsumgewohnheiten und Bedürfnisse der Einheimischen besser, da sie eine ganz ähnliche Entwicklung hinter sich haben. Laut einer Statistik der UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung) betrugen die Direktinvestitionen im Jahr 2010 in den 10 Ländern mit den größten Zuflüssen (Angola, Ägypten, Nigeria, Libyen, Demokratische Republik Kongo, Kongo, Ghana, Algerien, Sudan und Südafrika) insgesamt rund 40 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Südafrika nur an zehnter Stelle steht. «Die Ära, in der China als die einzige Alternative erschien, ist passé.» Überdies zeigen zahlreiche Beispiele, dass die Milliardenbeträge, die China (und andere, meist ostasiatische Staaten) in Afrika investiert haben, nicht nur dazu dienen, afrikanische Rohstoffe nach Fernost zu schaffen, sondern zahlreiche neue Arbeitsplätze auch für Afrikaner geschaffen haben und zu einer deutlichen Verbesserung der Infrastruktur (Straßen-, Eisenbahn- und Stromnetz, Staudämme, aber auch Ausbildungszentren für Afrikaner) beigetragen und neue Impulse für wirtschaftliches Wachstum ermöglicht haben. Anlässlich des China-Afrika-Gipfels im November 2006 vereinbarten beide Seiten in einer Erklärung und einem Aktionsplan, künftig auf allen Gebieten (Politik, Internationales, Wirtschaft, Medizin, Umwelt) in Form einer neuen «strategischen Partnerschaft» zusammenzuarbeiten. «Auf einer begleitenden Unternehmerkonferenz wurden 14 Projekte im Wert von 1,5 Mrd. Euro beschlossen, vom Autobahnausbau (Nigeria) bis zur Aluminiumfabrik (Ägypten) und zu Telefonnetzen (Ghana)» (derStandard.at, Online-Version vom 21. November 2006) und auf dem fünften chinesisch-afrikanischen Wirtschaftsforum 2012 in Peking verkündete der chinesische Staatschef Hu Jintao, dass China bis 2015 afrikanischen Staaten 20 Milliarden Dollar an Vorzugskrediten bereitstellen möchte für landwirtschaftliche, industrielle und infrastrukturelle Projekte.

Afrika - Investitionsprojekte

Winfried Schnurbus und Frank Sieren haben 2007 für den deutschen Fernsehsender ZDF mehrere afrikanische Staaten bereist, um über chinesische Investitionsprojekte zu berichten. In der Republik Sudan muss die eingleisige Eisenbahnstrecke (die noch aus der britischen Kolonialzeit stammt) von Port Sudan bis in die Hauptstadt Khartum dringend erneuert werden, da sie für den Außenhandel des 1,8 Millionen Quadratkilometer großen Landes von entscheidender Bedeutung ist. Die Chinesen haben sich der Aufgabe angenommen und der nationalen Eisenbahngesellschaft «Sudan Rail» die 1 Milliarde Euro, die das Projekt kostet, vorgestreckt. Die Schienen werden von den Chinesen schnell und billig verlegt (neue Lokomotiven werden gleich mitgeliefert), eine deutsche Beratungsfirma, «Dornier Consulting», überwacht und koordiniert das Projekt. Parallel zur neuen Eisenbahnstrecke verlegen sudanesische Spezialisten eine Erdölleitung. Sie haben ihr Handwerk in einer Fachschule erlernt, die einst von einer deutschen Firma aufgebaut wurde und später von den Chinesen übernommen wurde. Auf halbem Weg zwischen Port Sudan und der Hauptstadt haben die Chinesen eine Erdölraffinerie gebaut, die der Sudan zur Hälfte mitfinanziert hat. Von den 1000 Arbeitern, die in der Raffinerie beschäftigt sind, sind 650 Sudanesen. Die erzielten Gewinne werden zwischen beiden Ländern aufgeteilt. Das raffinierte Erdöl deckt die Bedürfnisse des lokalen Marktes ab und kann sogar noch zum Teil exportiert werden. Die Chinesen sind überzeugt,  «dass die chinesischen und die afrikanischen Ressourcen, Wirtschaftsstrukturen etc. einander ergänzen. Sie trachten danach, entsprechend den Prinzipien der Gleichberechtigung, des praktischen Nutzens, des beiderseitigen Vorteils und der gemeinsamen Entwicklung die wirtschaftliche Zusammenarbeit zum beiderseitigen Gewinn zu verstärken». Osman Khalid Mudavi, Vorsitzender «Auswärtiger Ausschuss Sudan», sagt in einem Interview, dass der Sudan dankbar ist für die chinesische Unterstützung, die überdies nicht an politische Bedingungen oder Belehrungen geknüpft sei. Auch in der Hauptstadt Khartum gibt es ambitiöse Projekte. Dort entstehen moderne Wolkenkratzer, schicke Promenaden, klimatisierte Einkaufszentren, neue Straßen, ein neuer Flughafen und neue Brücken über den Nil. Kritiker meinen, so der Politikwissenschaftler Manfred Öhm (der mehrere Jahre im Sudan gearbeitet hat) in einem Artikel auf der Website «welt-sichten.org», dass nur eine Minderheit vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes profitiert und die Aufnahme zahlreicher Kredite die Neuverschuldung des Landes unnütz in die Höhe treibt. Die wirtschaftlichen Entwicklungsprojekte der regierenden nationalen Kongress-Partei NCP konzentrierten sich zu sehr auf die zentrale Region zwischen El Obeid und Atbara und die Landwirtschaft werde vernachlässigt. Eine Elite bereichere sich auf Kosten der Bevölkerungsmehrheit und sorge für die Unterdrückung anderer kultureller und religiöser Gruppen (siehe Konflikt im Darfour). Diese Feststellungen sind sicher nicht falsch und die Kritik zum Teil auch gerechtfertigt. Trotzdem zeichnen sie wieder das altbekannte düstere Bild eines Landes, für das kaum Hoffnung besteht, jemals aus seiner misslichen Lage herauszukommen, was denn wohl auch für Afrika insgesamt gelten soll. Ich möchte mich da eher der Meinung Vijay Mahajans anschließen, der in Afrika einen Kontinent sieht mit einem enormen Potenzial und einem der am meisten unterschätzten Märkte der Welt mit unzähligen Chancen für Unternehmer und Investoren.

Alle afrikanischen Staaten zusammengenommen verzeichnen im Jahr 2011 (nach Index Mundi) ein Bruttoinlandsprodukt von sagenhaften 3154 Milliarden Dollar. Damit liegt Afrika sogar vor Brasilien (2324 Milliarden) und der russischen Föderation (2414 Milliarden), gleichauf mit Deutschland und nicht allzu weit hinter Indien (4515 Milliarden) und Japan (4497 Milliarden). Diese Zahlen tragen natürlich dem Umstand nicht Rechnung, dass Afrika kein Land ist (und in der Tat sind die wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und natürlichen Unterschiede zwischen den Ländern oft erheblich), aber sie machen deutlich, dass Afrika immerhin derzeit die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt darstellt (die zehntgrößte im Jahr 2006), wenn es denn ein Land wäre. Mit knapp einer Milliarde Einwohnern verfügt der Kontinent des Weiteren über ein gewaltiges Bevölkerungspotential in Form von unzähligen Arbeitskräften und einer geschätzten 300-400 Millionen starken Mittelschicht, deren Kaufkraft stetig steigt. Im Jahr 1998 gab es in ganz Afrika lediglich zwei Millionen Mobilfunknutzer, 2010 überschritt diese Zahl (laut einer Studie der Firma «Informa Telecoms und Media») schon die 500-Millionen-Grenze. Mahajan verweist in seinem Buch auf eine Studie von McCann, «die den Optimismus von 16- bis 17-Jährigen in zehn Ländern der Welt untersuchte und ergab, dass viele Jugendliche in entwickelten Ländern, wie dem Vereinigten Königreich, übersättigt sind, dass aber südafrikanische Jugendliche zu den optimistischsten Menschen der Welt zählen». «Während man sich außerhalb Afrikas auf die Probleme konzentriert, herrscht in vielen Teilen Afrikas das Gefühl, dass nichts unmöglich ist».

(Lesen Sie mehr dazu in “Das ist unsere Welt“; 356 Seiten , Paperback)

Das ist unsere Welt

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