Die Gestaltung der Zukunft

Futuristic

Der Umweltbiologe Hal Mooney von der Stanford-Universität schreibt (National Geographic, Deutschland, September 2002, Seite 89): «Die Geschichte zeigt, dass es Einzelnen oder kleinen Gruppen immer wieder gelingt, die Gesellschaft wachzurütteln und sie über die Brisanz eines Problems aufzuklären. So sind schon dramatische soziale Veränderungen bewirkt worden……… Jetzt besteht unsere Herausforderung darin, unsere Forschungsergebnisse sowohl der Öffentlichkeit als auch den Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik klar und überzeugend zu präsentieren».

Immer wieder zeigen Menschen, dass ihr Erfindergeist Erstaunliches hervorzubringen vermag. Die ganze Menschheitsgeschichte ist geprägt von Ereignissen und Entwicklungen, deren Auslöser eine neue Idee war. Und genau darin liegt die Chance für die etwas mehr als 7 Milliarden Menschen, die derzeit auf der Erde leben und sich mit einer Reihe schwerwiegender Probleme auseinanderzusetzen haben: im kreativen Potenzial der Menschheit und den neuen technischen Möglichkeiten, wie zum Beispiel die modernen Telekommunikationstechniken, die einen Wissensaustausch ermöglichen in einem Ausmaß, wie es ihn vorher noch nie gegeben hat (Schauen Sie auch unter: “Die Revolution des Wissens“).

Ich behaupte, dass die Kreativität der Menschen ausreichen wird, die dringenden globalen Probleme, wenn auch nicht ganz zu lösen, so doch zumindest deutlich zu entschärfen. Zur Untermauerung dieser Behauptung gibt es unzählige Beispiele aus aller Welt.

An anderer Stelle hatte ich darauf hingewiesen, dass die Erde immer mehr zu einer globalen Müllkippe zu werden droht und das Problem der planetaren Plastikverseuchung (insbesondere der Ozeane) erwähnt.

Im texanischen Marshall schmilzt die Firma «TieTek» Plastik ein und fertigt daraus Bahnschwellen für Eisenbahngesellschaften weltweit. In einem Interview weist Firmengründer Henry Sullivan darauf hin, dass allein in Nordamerika jedes Jahr 15 Millionen Eisenbahnschwellen verlegt werden. Die TieTek-Kunststoffbahnschwellen halten länger als Holzschwellen, sind resistent gegen Termiten und können immer wieder recycelt werden.

Die umweltbewusste Dari Jongsman ist die Firmengründerin von «Agri-Plas Inc.» in Brooks (US-Staat Oregon). Das Unternehmen beschäftigt 50 Personen und recycelt jährlich 18 Millionen Tonnen Plastik (hauptsächlich Plastikprodukte, die Verwendung finden in der Landwirtschaft, wie Plastikabdeckungen für Heubündel oder Plastiktöpfe z. Bsp.). Plastikschnüre werden gemahlen und aus ihnen entstehen Stoßstangen für Fahrzeuge.

Die 1972 gegründete und weltweit tätige kalifornische Firma «Patagonia» mit Sitz in Ventura stellt Sportskleidung aus recyceltem Polyester her. Als Ausgangsmaterial dienen Plastikflaschen, alte Bürostühle, Duschvorhänge usw. Die Unternehmensphilosophie der Firma lautet: «Stelle das beste Produkt her, belaste die Umwelt dabei so wenig wie möglich, inspiriere andere Firmen, diesem Beispiel zu folgen und Lösungen zur aktuellen Umweltkrise zu finden». Ein Prozent des Gewinns geht in die Unterstützung von Umweltschutzgruppen.

Das Unternehmen «UniquEco» in Nairobi verarbeitet Plastiktüten, Gummischläuche und Flip-Flops, die zu Tausenden an den Stränden Kenias angespült werden, zu Handtaschen, Schmuck, Skulpturen, Gummibällen und vieles mehr. Das Unternehmen beschäftigt um die 150 Personen, hauptsächlich lokale Handwerker und Künstler.

Das Motto der indischen Firma «Conserve» mit Sitz in Bahadurgarh im Staat Haryana lautet: «Mode gegen Armut». Auch dort wird Plastikmüll, in der Hauptsache Plastiktüten, zu hochwertigen Modeartikeln verarbeitet: Schuhe, Handtaschen, Halsketten und Gürtel zum Beispiel, die in der ganzen Welt verkauft werden. Täglich werden drei bis viertausend Plastiktüten eingesammelt. Das Unternehmen beschäftigt über 400 Mitarbeiter.

Die Firma «WastAway» im US-Bundessaat Tennessee stellt, mithilfe eines speziellen Verfahrens, aus Hausmüll ein Produkt her, das die Firma als «Fluff» bezeichnet. Aussortiert werden nur Metalle und Glas. «Fluff» findet Verwendung in der Herstellung von Strom, Bau-materialien, Bodenzusätzen, Treibstoffen und einiges mehr.

In Ländern wie Dänemark, Schweden und in der Schweiz werden über 90% des kunststoffreichen Abfalls wiederverwertet. Laser- und Infrarot-Sortier-Techniken sorgen für eine nahezu sortenreine Mülltrennung. Mithilfe eines Verfahrens, das als Pyrolyse bezeichnet wird, ist es sogar möglich, Kunststoffe in Öl zurück zu verwandeln.

Auch die Herstellung von Kunststoffen auf Pflanzenbasis breitet sich immer mehr aus: kompostierbares Plastik wird aus pflanzlicher Stärke hergestellt oder aus Mikroorganismen isoliert. So können beispielsweise Bakterien aus Maisstärke Polymilchsäure (auch Polylaktat genannt, abgekürzt PLA) herstellen, ein biologisch abbaubarer Kunststoff, aus dem Handtaschen, Spielsachen, Autoinneneinrichtungen, Verpackungen, Folien und sogar Textilien hergestellt werden. Die US-Firma «NatureWorks LLC» besitzt in Nebraska die größte Biokunststoff-Firma der Welt und verkauft weltweit ein Polymer auf Pflanzenbasis mit dem Namen Ingeo. Immer mehr Firmen weltweit benutzen Biokunststoffe in der Herstellung ihrer Artikel, um die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern. Auf die Frage, ob bei zunehmender Produktion von Biokunststoffen die dazu notwendige Ackerfläche nicht zu sehr auf Kosten der Nahrungsmittelproduktion geht, gibt sich Harald Kaeb von der «European Bioplastics»-Organisation optimistisch. Er rechnet vor, dass man auf einem Hektar Ackerland zwei bis drei Tonnen Biokunststoff produzieren kann. In Europa soll es 30 Millionen Hektar Ackerland geben, die für die Produktion von Biokunststoffen genutzt werden könnten und die somit ausreichen würden, 60 Millionen Tonnen Biokunststoffe jährlich herzustellen. Das wäre mehr als derzeit an Kunststoffen insgesamt in Europa verbraucht wird.

Justin Barone vom US-Landwirtschaftsministerium hatte die Idee, aus Hühnerfedern Polyester-Kunststoff herzustellen und das australische Unternehmen «Plantic Technologies Inc.» stellt einen Kunststoff her, der auf pflanzlicher Stärke basiert und wasserlöslich ist. Darren McKeage entwarf für die kanadische Firma «Motive Industries» den «Kestrel», ein Elektroauto mit einer Karosserie aus Hanf- und anderen Naturfasern.

So unglaublich es klingen mag, Anke Domaske entwirft und lässt Kleider aus Milchfasern herstellen. Der Rohstoff dazu heißt Kasein, einem Bestandteil und Nebenprodukt der Milch. Die Stoffe sind geruchlos, fühlen sich sanft an, fast wie Seide, sind antibakteriell und antiallergisch. Die Herstellung von Kasein gibt es schon lange, aber das von Anke Domaske entwickelte Verfahren (die Designerin ist gelehrte Mikrobiologin) verbraucht 10 000-mal weniger Wasser (gerademal 2 Liter pro Kilogramm Kasein) als das herkömmliche Verfahren und kommt ganz ohne chemische Zusatzstoffe aus.

Weitere Beispiele darüber, wie die Kreativität der Menschen dazu beiträgt, die Zukunft zu gestalten, finden Sie in: “Das ist unsere Welt” (356 Seiten; Paperback).

Das ist unsere Welt

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Eine unsichere Welt

Viele Menschen beklagen sich darüber, dass die Zukunft unsicher ist. Nicht wenige meinen sogar, dass sie immer unsicherer wird. Ein gewisses Maß an Sicherheit ist sicher wünschenswert. Das Sicherheitsbedürfnis ist im Menschen tief verankert und sein Ursprung, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, auch leicht zu verstehen. In grauer Vorzeit waren die natürlichen Gefahren so zahlreich, dass es von überlebenswichtiger Bedeutung war, sozusagen dauernd auf der Hut vor solchen Gefahren zu sein (wilde Tiere zum Beispiel). Heute sind die Verhältnisse aber grundlegend anders und daraus ergibt sich ein doppeltes Problem. Einerseits verhalten sich viele Menschen immer noch so, als hätte sich innerhalb der letzten paar tausend Jahre gar nichts geändert. Ihr Sicherheitsinstinkt der, wie oben angedeutet, aus evolutionären Gründen tief in ihnen verankert ist, schreibt ihnen sozusagen vor, dass sie sich gegen allmögliche Gefahren absichern obschon, objektiv betrachtet, die Zahl der potenziellen Gefahren deutlich abgenommen hat. Und andererseits verstehen die Meisten nicht, dass es erstens einmal gar nicht möglich ist, sich gegen alles abzusichern (eine Vollversicherung fürs Auto ist kein Schutz dagegen, dass ein anderer, unvorsichtiger Fahrer Sie in einen folgenschweren Unfall verwickeln kann und auch nicht dafür, dass Sie eine Treppe hinabstürzen und sich das Genick brechen können) und zweitens eine Welt, in der alles sicher ist, gar kein erstrebenswertes Ziel sein kann, denn ein Leben, in dem alles absolut sicher ist, gar kein richtiges Leben mehr ist. Um das zu verstehen, braucht man sich nur einmal vorzustellen, wie das eigene Leben ablaufen würde, wenn alles absolut sicher wäre. Beispiel: Sie sind 45 Jahre alt. Sie haben die absolute Sicherheit, dass Sie noch weitere 45 Jahre leben werden, dass Sie mit 65 Jahren in Rente gehen, dass Sie nie einen folgenschweren Unfall mit dem Auto haben, dass Sie bis zum Ende Ihres Lebens mit Ihrem Lebenspartner zusammen bleiben (für Viele sicher ein erstrebenswertes Ziel, das aber bedeutungslos wird, wenn es schon von vornherein garantiert ist), dass Sie nie krank werden usw. Sie sehen schon: die Spannung und der Reiz des Lebens sind Komponenten, die in solch einer Welt keinen Platz mehr haben. Der Risikofaktor und ein gewisses Maß an Unsicherheit sind eben grundlegende Eigenschaften des Lebens schlechthin. Wenn diese Eigenschaften nicht mehr da sind, ist tatsächlich alles vorbestimmt. Darüber hinaus sollten wir sogar froh und dankbar sein, dass wir in einer unsicheren Welt leben. Denn genau diese Eigenschaft des Lebens lässt uns den notwendigen Freiraum, die Zukunft zu gestalten und uns unserer Verantwortung bewusst zu werden (Ausschnitt aus “Das ist unsere Welt” ; Paperback, 356 Seiten).

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