Allein im Universum

Die erstaunliche Vielfalt und Schönheit der Lebensformen auf der Erde, sowie das wunderbare Zusammenspiel terrestrischer und kosmischer Faktoren, die ihre Entstehung ermöglicht haben, legen die Vermutung nahe, dass der Prozess der Lebensentstehung auf der Erde ein einzigartiges Phänomen im Universum ist. Die Argumente, die allerdings eindeutig dafür sprechen, dass wir nicht allein im Universum sind, sind seit längerem bekannt und wurden in zahlreichen Veröffentlichungen auch immer wieder angeführt und erklärt. Dennoch verursacht solch eine Aussage bei vielen Menschen heutzutage immer noch skeptisches Kopfschütteln. Darum sei hier noch einmal das Wichtigste zu diesem Thema in kurzer Form erwähnt.

Astronomen schätzen die Zahl der Sterne in unserer Galaxie, der Milchstraße, auf 100 Milliarden, von denen 15% Planeten haben (innerhalb der letzten 15 Jahre wurden hunderte solcher so genannten Exoplaneten entdeckt). Die Hälfte davon sollen erdähnliche Planeten sein. Das wären demnach rund 7,5 Milliarden. Da man die Zahl der Galaxien auf rund 100 Milliarden schätzt, ergeben sich daraus 100 Milliarden mal 7,5 Milliarden erdähnliche Planeten im ganzen Universum. Moderne Teleskope sind in der Lage, zehn Trilliarden Sterne auszumachen. Das ist eine eins mit dreißig Nullen.

Auch wenn die fernen Welten, die die Raumsonden und Teleskopen bisher entdeckt haben, entweder gefroren oder sengend heiß, also unbewohnbar sind, die oben angeführten, ungeheuer großen Zahlen lassen es als äußerst unwahrscheinlich erscheinen, dass der Mensch das einzige intelligente Lebewesen ist, das im Universum existiert.

Skeptiker setzen solchen Überlegungen entgegen, dass die Bedingungen auf der Erde so außergewöhnlich und einmalig sind, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich Ähnliches ein zweites Mal, geschweige denn zahlreiche Male im Universum ereignet hat, äußerst gering, wenn nicht sogar Null ist. Gegen letztere Behauptung spricht aber, dass das ganze Universum (also auch die Erde und alle anderen Planeten) aus denselben 92 Elementen aufgebaut ist (genauer gesagt, aus 92 verschiedenen Atomkombinationen) und überall die gleichen Naturgesetzte herrschen. Darüber hinaus konnte mithilfe von Radioteleskopen festgestellt werden, dass überall in den Weiten zwischen den Sternen organische Stoffe oder Verbindungen existieren, die notwendig sind zur Entstehung von Lebensbausteinen (man bezeichnet sie als chemische Vorläufer des Lebens) und dass sie sich unter bestimmten Voraussetzungen (dazu gehören das Vorhandensein von Kohlenstoff, flüssigem Wasser und einer Energiequelle) so anordnen, dass Strukturen entstehen, die für den Prozess der Lebensentwicklung unentbehrlich sind. Solche organischen Stoffe (Aminosäuren zum Beispiel, die Bausteine der Proteine) wurden auch schon in Meteoriten nachgewiesen, die auf die Erde niedergegangen sind und lassen sich sogar im Laboratorium künstlich herstellen. Dazu bilden Forscher die Atmosphäre von fernen Monden nach und schicken Strom durch das Gas, um die UV-Strahlung der Sonne zu simulieren. Nach einigen Tagen haben sich organische Verbindungen in den Röhren gebildet, die als die Grundbausteine des Lebens gelten (die ersten, die schon 1953 solch ein Experiment erfolgreich durchführen konnten, waren Stanley Miller und Harold Clayton Urey von der «University of Chicago»; Miller-Urey-Experiment).

Diese und zahlreiche weitere Argumente haben viele Wissenschaftler zu der Aussage veranlasst, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach im Universum nur so wimmelt von Leben. Astrochemiker behaupten, dass der Prozess der Lebensentstehung im Universum geradezu unvermeidlich ist. Sie gehen davon aus, dass die Voraussetzungen, die notwendig waren, damit sich Leben auf der Erde entwickeln konnte, an unzähligen Orten im Universum gegeben sind oder waren. Der renommierte und mehrfach ausgezeichnete Schweizer Professor und Astronom Michel Mayor vom astronomischen Departement der Universität Genf drückt es mit folgenden Worten aus: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Leben ein automatisches Nebenprodukt der Evolution des Universums ist. Wenn die nötigen Voraussetzungen zusammenkommen, muss sich Leben entwickeln».

Obschon die nachfolgende Schilderung über den Prozess der Lebensentstehung und -weiterentwicklung sehr stark vereinfacht ist und zahlreiche Fragen in diesem Zusammenhang unbeantwortet bleiben, erscheint die Entstehung von Leben auf der Erde angesichts neuerer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse grundsätzlich nicht mehr als etwas einzigartiges, sondern vielmehr als eine unabwendbare, universelle Entwicklung, wobei das Grundprinzip immer das gleiche ist. Am Anfang stehen chemische Elemente (wie Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff), die aus Atomen bestehen, die aufgrund ihrer Affinität (also dem Bestreben, Verbindungen mit anderen Atomen einzugehen) miteinander reagieren. Es entstehen kleine, kohlenstoffhaltige Moleküle, die ihrerseits wieder untereinander reagieren. Daraus bilden sich immer größere Moleküle, so genannte Polymere, von denen wiederum einige mit der Zeit die Fähigkeit entwickeln, Energie aus ihrer Umwelt zu nehmen und sich zu vervielfältigen, also sich selbst zu kopieren. Diese Makromoleküle werden als die ersten lebenden Organismen angesehen. Die in solchen Molekülen gespeicherten Informationen werden an die nächste Generation weitergegeben. Immer wieder ereignen sich aber auch zufällige, kleine Veränderungen bei der Weitergabe (so genannte Mutationen). Erweist sich eine Veränderung als vorteilhaft für das Überleben eines Organismus, dann behauptet sich dieser innerhalb seines spezifischen Lebensraums mit größerem Erfolg als seine Konkurrenten und die Wahrscheinlichkeit, dass er Nachkommen hinterlässt, wird dadurch größer (das ist das darwinsche Prinzip vom Überleben des Stärkeren, oder besser ausgedrückt in der Originalsprache: «the survival of the fittest»). So passen sich durch natürliche Auslese lebende Organismen von Generation zu Generation an ihre Umwelt an und entwickeln sich weiter.

Nicht zuletzt die Tatsache, dass auch auf der Erde Leben unter sehr extremen Bedingungen existiert, zeigt, dass Leben sich grundsätzlich fast überall entwickeln kann, fast wäre man geneigt zu sagen, entwickeln will (so gibt es beispielsweise in der Tiefsee, trotz der extremen Druckbedingungen, eine vielseitige Tierwelt).

Das Problem für viele Menschen besteht darin, dass sie sich außerirdische Lebensformen meistens sehr ähnlich vorstellen wie die Lebensformen, die es auf der Erde gibt. So wahrscheinlich die Existenz von Leben im Universum ist, so unwahrscheinlich ist andererseits die Möglichkeit, dass diese Lebensformen denen auf der Erde sehr ähnlich sind (wenn man das auch nicht ganz ausschließen kann). Dass die vorherrschende Farbe bei Pflanzen, die auf der Erde wachsen, grün ist, muss ja nicht heißen, dass alle Pflanzen im Universum grün sind. Grün sind sie für unsere Augen nur, da die Pflanzen diesen Wellenbereich des Sonnenlichts nicht verwerten können und ihn daher zurückwerfen. Da die Planeten sich in sehr unterschiedlichen Distanzen zu ihrer Sonne befinden, ist das Angebot an Sonnenlicht ebenfalls sehr unterschiedlich. Je nachdem wie groß dieses Angebot ist, absorbieren oder reflektieren Pflanzen bestimmte Anteile des Sonnenlichtes und dementsprechend ist auch ihre Farbe anders.

Die Faktoren, die im Spiel waren, um Leben in genau den Formen auf der Erde entstehen zu lassen wie wir es kennen, waren sehr zahlreich und wären sie auch nur geringfügig anders gewesen, dann hätte die Entwicklung unseres Planeten und des Lebens auf ihm einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Dass es eher unwahrscheinlich ist, dass es im Universum Leben gibt, das dem auf unserer Erde ähnelt, ist aber kein Argument dafür, dass sich Leben grundsätzlich nicht auch auf anderen Planeten entwickeln konnte und auch heute noch existiert. So können wir mit ziemlich großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Existenz von intelligentem Leben auf der Erde kein einzigartiges Phänomen im Universum ist.

Es bleibt natürlich die äußerst brisante und in der breiten Öffentlichkeit oft gestellte Frage, wie groß die Wahrscheinlichkeit einer Kontaktaufnahme mit einer außerirdischen Lebensform oder Zivilisation ist. Der Astrophysiker Rudolf Kippenhahn äußert sich zu diesem Problem in einem Artikel der Spezialausgabe von «Spektrum der Wissenschaft» (Ausgabe vom Februar 2007). Sein Gedankengang sei hier in zusammenfassender Form wiedergegeben. Wegen den ungeheuer großen Distanzen im Universum sind zunächst einmal für eine Kontaktaufnahme alle Orte auszuschließen, die außerhalb unserer Milchstraße liegen. Zu berücksichtigen ist auch die Tatsache, dass, nachdem was wir über die Bedingungen der Lebensentstehung wissen, es prinzipiell mehrere Milliarden Jahre braucht, damit sich eine technisch hoch entwickelte Zivilisation aus einer einzelnen Zelle entwickeln kann. Schätzungen zufolge gibt es unter den 100 Milliarden Sternen in unserer Milchstraße etwa 40 Milliarden, die in der Lage sind, einen Planeten lange genug gleichmäßig zu erwärmen, damit sich solches ereignen kann. Des Weiteren ist von Bedeutung, ob sich diese Planeten in einer geeigneten Entfernung von ihrer Sonne befinden (von Experten als Lebenszone bezeichnet)  und eine geeignete Masse aufweisen (um beispielsweise eine lebensschützende Atmosphäre zu halten). Unter Berücksichtigung dieser Faktoren gehen Astronomen davon aus, dass es rund eine Million belebter Planeten in unserer Milchstraße gibt, mit Lebensformen der unterschiedlichsten Entwicklungsstufen. Der Astronom Frank Drake hat folgende Rechnung aufgestellt um herauszufinden, in welchem Abstand Zivilisationen, die Funksignale aussenden könnten, in unserer Milchstraße vorkommen. Er geht davon aus, dass eine technisch entwickelte Zivilisation in der Lage ist, eine Million Jahre Funksignale zu senden. Dann multipliziert er diese Zahl mit der Zahl der Planeten, auf denen sich (aufgrund der oben erwähnten Bedingungen) Leben entwickelt hat und teilt das Resultat durch die Anzahl der Jahre, während denen ein Planet von seiner Sonne erwärmt wird. Das macht dann ein Hundert sendende Zivilisationen in unserer Milchstraße. Geht man schließlich davon aus, dass diese Zivilisationen gleichmäßig verteilt sind, ergibt sich ein mittlerer Abstand von rund 5000 Lichtjahren. Kippenhahn weist in seinem Artikel darauf hin, dass es mindestens zehntausend Jahre dauern würde, um eine Antwort auf ein von der Erde gesendetes Signal zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es den Menschen gelingt, einmal Kontakt mit einer fremden Zivilisation aufzunehmen, ist also extrem gering, zumindest unter heutigen Bedingungen, denn wir wissen nicht, wie sich die Menschen und die Technik in Zukunft weiterentwickeln werden.

So oder so, die Erkenntnis, dass wir nicht allein im Universum sind, hat tief greifende Folgen für unser Selbstverständnis und unser Weltbild, und gerade darin liegt ihre größte Bedeutung. Die trostlose Beschreibung über die Situation des Menschen im Universum von Jacques Monod («Wie ein Zigeuner am Rande des Universums, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen»), verliert mit den Erkenntnissen der modernen Astronomie ihre Gültigkeit. Wir können unsere Überlegungen sogar noch weiterführen um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass wir nicht nur keine einsamen Zigeuner am Rande des Universums sind, sondern vielmehr ein winziger Teil eines riesigen (und  aller Wahrscheinlichkeit nach, zusammenhängenden) Systems, in dem jedes Element seinen Platz und seine Rolle zu spielen hat. Angesichts der ungeheuer großen Zahl von möglichen Lebensorten im Universum verlieren wir Menschen zwar unsere Sonderstellung, aber nicht unsere Verantwortung und unsere Würde.

Die Evolutionstheorie und die Astronomie lehren uns, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass es im Universum Milliarden Orte gibt, an denen sich intelligentes Leben entwickelt hat. Zu glauben oder zu denken, dass der Intelligenzgrad der Erdbewohner der höchste ist, der zur Zeit im ganzen Universum existiert, dass der Mensch also die «Krone der Schöpfung» ist (wohlbemerkt, die Krone all dessen, was der Kosmos in seiner 13,5 Milliarden Jahre dauernden Entwicklung bisher hervorgebracht hat), das hat sich schon seit langem als rein anthropozentrisches Vorurteil erwiesen (es hat sich wahrscheinlich nur noch nicht genug herumgesprochen).

Und dass sich aus den intelligenten Lebewesen, die wir zurzeit sind, in ferner Zukunft Wesen entwickeln werden, dessen Intelligenzgrad dem Unsrigen weit überlegen sein wird (insofern der Mensch nicht schon vorzeitig die Grundlagen seiner Existenz zerstören wird), das ergibt sich aus der Evolutionstheorie geradezu zwangsläufig, da der Mensch nicht mehr als das vorläufige Resultat einer Entwicklung ist, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Der Astronomie haben wir die Erkenntnis zu verdanken, dass der Mensch mit Sicherheit nicht die Krone der Schöpfung ist, und von daher ist es auch bloße Illusion zu glauben, dass es irgendeine Instanz geben könnte, die das Überleben unserer Spezies garantieren müsse.

Aus der notwendigen räumlichen und zeitlichen Distanz betrachtet sind Menschen sehr beschränkte Wesen. Das soll uns andererseits aber nicht daran hindern, als Menschheit weiter unsere Verantwortung zu tragen, die, wenn sie auf universaler Ebene noch so gering sein mag, uns unsere Würde lässt als aktive Teilnehmer und Mitgestalter des Ganzen.

Es verhält sich dann eher so, wie mit den Milliarden Zellen eines lebenden Organismus. Jede Zelle hat ihre Rolle zu spielen, damit der ganze Organismus funktionieren kann. Stirbt aber eine Zelle ab, bleibt der Organismus davon gänzlich unberührt. Das Universum wird auch weiterhin existieren und sich weiterentwickeln, wenn es keine Erde und keine Menschen mehr gibt. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, angesichts der Dimensionen, um die es hier geht, dass ein solches Absterben von Planeten und Lebensformen ein Dauerphänomen ist. Es ist ziemlich naheliegend, dass das, was wir unmittelbar auf unserer Erde beobachten können, nämlich die Tatsache, dass dauernd Menschen (und Lebewesen im Allgemeinen) geboren werden und sterben, sich nicht viel anders verhält, wenn es um das Universum im großen Ganzen geht, mit seinen unzähligen Galaxien, Sternen und Planeten. Astronomen gehen davon aus, dass in unserer Galaxie jedes Jahr ein bis drei Sterne von der Größe unserer Sonne entstehen und genauso viele sterben, also zu Weißen Zwergen werden. Mit einem Durchschnitt von Zwei heißt das, dass pro Jahr im Universum 200 Milliarden Sterne entstehen und genauso viele sterben (man schätzt, dass es 100 Milliarden Galaxien im Universum gibt), also mehr als 6000 jede Sekunde. Richtet man den «Blick» auf das ganze Universum, dann ist geboren werden und sterben auf allen Ebenen ein Dauerphänomen.
Dass Welten untergehen und neue entstehen, scheint in Anbetracht dessen, was wir heute über das Universum wissen, nichts Außergewöhnliches zu sein. Die richtige Einstellung dazu kann deshalb nur sein, dass man lernt, die Gegenwart zu schätzen und jeden Moment so zu leben, als sei er der letzte. Der renommierte amerikanische Schriftsteller Ken Wilber schreibt in seinem Buch «Halbzeit der Evolution»: «Die Ewigkeit liegt in der Gegenwart».

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