Mensch und Verstand

Im Zusammenhang mit der Frage nach den Grenzen des menschlichen Verstandes sind meiner Ansicht nach folgende drei Fragestellungen von besonderem Interesse:
Erstens: Was versteht man überhaupt unter Verstand?
Zweitens: Gibt es Fragen, auf die die Wissenschaft, also der Menschenverstand, keine eindeutigen Antworten zu geben in der Lage ist, nicht heute und mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch nicht in ferner Zukunft?
Und drittens: Sind der Weiterentwicklung des menschlichen Verstandes von den Evolutionsgesetzen her Grenzen gesetzt, oder kann man davon ausgehen, dass das menschliche Gehirn, und damit der Verstand, sich auch in Zukunft immer weiterentwickeln wird?
Die (wenn auch nur partielle) Beantwortung dieser drei Fragen wird es ermöglichen, die eine oder andere bedeutungsvolle Schlussfolgerung zu ziehen.

Um zufriedenstellende Antworten auf diese Fragen geben zu können, ist es von entscheidender Bedeutung, einige Begriffe deutlich voneinander zu unterscheiden, die nicht selten von denjenigen, die sich eingehender mit solchen Fragen auseinandersetzen, mehr oder weniger gleichgestellt werden. Meiner Ansicht nach sollte man den Begriff «Verstand» gleichsetzen mit «Denkvermögen», die beiden Begriffe «Intelligenz» und «Wissen» aber in einem allgemeineren Sinn auffassen.Um die Verwirrung so gering wie möglich zu halten, klammern wir die beiden (äußerst problematischen) Begriffe «Geist» und «Bewusstsein» zunächst einmal  aus.
Wenden wir uns also der Frage zu, was man eigentlich unter Verstand zu verstehen hat. Sehr häufig wird Verstand gleichgesetzt mit Wissen oder Intelligenz. Solch eine Gleichstellung ist aber in mehrfacher Hinsicht problematisch, denn immer noch gibt es keine (und das wird aller Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft so bleiben) von allen Wissenschaftlern (in der Hauptsache Psychologen) akzeptierte Definition des Begriffs «Intelligenz». Darüber hinaus gibt es auch keine einheitliche Auffassung über sein Wesen und seinen Ursprung. Für Viele bezeichnet Intelligenz eine Fähigkeit, die dem Menschen allein zu eigen ist, die Fähigkeit nämlich, über sich selbst und die Welt nachzudenken. Die von Kant und Descartes vertretene dualistische Auffassung, die davon ausgeht, dass Geist, Intelligenz und Verstand immateriell sind, also etwas, das an keinerlei biologische Strukturen gebunden ist, also auch unabhängig von solchen Strukturen (zum Beispiel dem menschlichen Gehirn) existieren kann, das aber nur der Mensch besitzt, oder die Ansicht von Persönlichkeiten wie Karl Popper und Konrad Lorenz, die behaupteten, dass Geist, Intelligenz und Verstand absolut neue Eigenschaften darstellen, die im Laufe der Evolution ganz plötzlich aufgetaucht sind (sie bezeichnen solch ein Ereignis als «Emergenz» oder «Fulguration»), nachdem Gehirne sich bis zu einem gewissen Grad weiterentwickelt hatten, helfen uns hier nicht wirklich weiter (unter anderem wiederum dadurch, dass drei Begriffe gleichgestellt werden, die meines Erachtens nicht dieselbe Bedeutung haben). Charles Darwin war davon überzeugt, dass sich alles (also das Wesen und die Entstehung von Verstand, Geist und Intelligenz) früher oder später mithilfe der Evolutionsgesetze, also auf eine ganz natürliche Art und Weise, erklären ließe und dass auch der Mensch in keinerlei Hinsicht einzigartig ist. Nach Darwin ist der Mensch nichts mehr und nichts weniger als das vorläufige Endprodukt einer von den Naturgesetzen gesteuerten Entwicklung.
Es scheint ziemlich offensichtlich zu sein, dass das differenzierte oder ausgereifte Denken eine Fähigkeit ist, die tatsächlich dem Menschen vorenthalten ist, andererseits aber Intelligenz und Wissen nicht nur dem Menschen, sondern auch den Pflanzen, den Tieren und der Natur im Allgemeinen zugesprochen werden können. Das merken wir schon dann, wenn wir uns die Frage stellen, ob eine Biene grundsätzlich dümmer ist als der Mensch. Obschon sie nur über ein Gehirn verfügt, das gerade mal ein Milligramm schwer ist, ist das, was eine Biene tut und leistet, alles andere als dumm, oder anders ausgedrückt, sehr intelligent. Dasselbe gilt natürlich für viele andere Tiere auch. Wir können die Natur keinem Intelligenztest unterziehen, aber niemand würde wohl auf den Gedanken kommen, die Natur als dumm zu bezeichnen (sie ist es schließlich, die uns alle hervorge-bracht hat). Es gibt eben sehr verschiedene Formen von Intelligenz.
Um den Intelligenzgrad von Menschen zu messen, wurden im Laufe der Zeit entsprechende Tests entwickelt. Die meisten von uns haben schon mal den Begriff «Intelligenzquotient» (IQ) gehört. Laut Wikipedia ist der IQ «eine Kenngröße zur Bewertung des allgemeinen intellektuellen Leistungsvermögens (Intelligenz) eines Menschen. Er wird mit einem Intelligenztest ermittelt und vergleicht die Intelligenz eines Menschen mit dem, anhand einer Normstichprobe, geschätzten Durchschnitt der Gesamtbevölkerung im selben Zeitraum und im vergleichbaren Alter. Dieser Durchschnittswert wird im Allgemeinen als 100 definiert». Der amerikanischen Kolumnistin und Schriftstellerin «Marylin vos Savant» wird, aufgrund mehrerer Tests, ein IQ von über 200 zugesagt. Sollten Sie ein IQ von 110 haben, können Sie sich schon als überdurchschnittlich intelligent bezeichnen. Das Problem mit diesen Tests für das in diesem Kapitel diskutierte Problem besteht nun aber darin, dass sie nur einen relativen Wert zu ermitteln in der Lage sind. Wie schon weiter oben erwähnt, der IQ vergleicht die Intelligenz eines Menschen mit dem geschätzten Durchschnitt einer gegebenen Gesamtbevölkerung. Die Intelligenztests können die Frage nicht beantworten: Wie intelligent ist die Spezies Mensch? Dazu wäre ein Vergleich mit anderen, menschenähnlichen Kreaturen notwendig. Aber auch dann wäre das Resultat nur ein relatives. Auch eine Antwort auf die Frage – Wo liegen die Grenzen der Intelligenz»? – vermögen solche Tests nicht zu geben. Alles hängt eben davon ab, was man unter Intelligenz versteht. Wenn wir zum Beispiel als Kriterium für Intelligenz gelten lassen, wie erfolgreich ein Lebewesen sich in einer spezifischen Umwelt behauptet, dann sind viele Tiere viel intelligenter als der Mensch (Bakterien inbegriffen). Deshalb ist es eben in dem hier diskutierten Zusammenhang von entscheidender Bedeutung, dass wir grundsätzlich unterscheiden zwischen Intelligenz im Allgemeinen und Verstand oder Denkvermögen im Besonderen. Nur dann ergibt auch die Frage nach der zukünftigen Entwicklung vom Menschenverstand einen Sinn? Den Begriff «Wissen» sollte man meiner Meinung nach sogar noch allgemeiner auffassen als den Begriff der Intelligenz. Streng genommen ist Wissen nichts anderes als gespeicherte Information, in welcher Form auch immer. Insofern besitzen auch Pflanzen Wissen und natürlich auch Tiere. Jede lebende Struktur und sogar Maschinen, in denen in irgendeiner Weise Informationen ge-speichert sind, sind im Besitz von Wissen. Mit unzähligen Daten, also Informationen gefütterte Computer besitzen demzufolge mehr Wissen als die meisten Menschen (ob sie dadurch intelligenter sind als der Mensch, ist aber wieder ein ganz andere Frage).

Denkvermögen aber ist etwas ganz anderes. Um das zu verstehen und um die Frage beantworten zu können, was denn das Besondere am menschlichen Denkvermögen ist und wie man seinen Ursprung erklären kann, lohnt sich ein kurzer Exkurs in die Entwicklungs-geschichte der menschlichen Sprache, die, und darin sind sich die meisten Wissenschaftler einig, als wichtigste Voraussetzung für die Entwicklung von differenziertem Denkvermögen gilt.
(Ausschnitt aus “Das ist unsere Welt“; 356 Seiten; Paperback)

Mensch und Wahrnehmung

Von Albert Einstein stammt der Satz: «Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind».
Jeder weiß und versteht, dass die Sinnesorgane eines Lebewesens dazu dienen, die Umwelt wahrzunehmen. Es ist aber ein Irrtum, daraus schließen zu wollen, dass das, was wir solcherart wahrnehmen, die Welt schlechthin ist.
Das Meiste aus unserer unmittelbaren Umgebung bleibt uns nämlich verborgen. Technische Hilfsmittel vermögen einen Teil dieser Welt sichtbar zu machen. Schon eine einfache Geologenlupe, die ein Objekt 20-mal vergrößert, macht faszinierende Strukturen und Details sichtbar, die wir mit bloßem Auge nicht sehen. Schauen Sie sich einmal einen Käfer, eine Fliege oder auch nur die Oberfläche ihrer Haut mit solch einer Lupe an und Sie werden erstaunliche Details sehen. Mikroskope erlauben es uns, in eine noch tiefere Wirklichkeitsebene einzudringen. In einem Milliliter Wasser können sich bis zu einer Milliarde Bakterien befinden, aber das menschliche Auge sieht nur klares Wasser. Ein Elektronenmikroskop vergrößert den Inhalt der Flüssigkeit millionenfach und macht die Bakterien sichtbar. Unter dem Elektronenmikroskop verwandeln sich Objektoberflächen zu eindrucksvollen und bizarren Strukturen und Formen, zu regelrechten Mikrolandschaften. Atomkraftmikroskopen machen Atomstrukturen sichtbar, die ein 50 Milliardstel Millimeter groß sind.
Wir besitzen kein Sinnesorgan, um Radiowellen oder Röntgenstrahlen wahrnehmen zu können und unser Auge vermag es nicht, den Flügelschlag einer Stubenfliege zu sehen, der mehr als 300-mal in einer Sekunde stattfindet.
Der Grund, warum den Sinnesorganen eines Lebewesens nur ein kleiner Teil der Welt zugänglich ist, liegt in der Evolutionsgeschichte des Lebens.
Erfahren Sie mehr über die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung in “Das ist unsere Welt” (356 Seiten: Paperback).

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