Steigender Wohlstand weltweit

Noch nie konnten sich so viele Menschen so viel leisten wie heute, noch nie war das globale Warenangebot so vielseitig und noch nie war die weltweite Lebenserwartung so hoch wie heute (in den letzten 100 Jahren stieg die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung von 30 bis auf knapp 70 Jahre). Die beiden nächstfolgenden Grafiken zeigen eine Gegenüberstellung von weltweitem Pro-Kopf Einkommen (horizontale Skala) und durchschnittlicher Lebenserwartung (vertikale Skala) im Jahr 1800 und im Jahr 2000 (190 Staaten, gegliedert nach 6 Großregionen). Im Jahr 1800 sind fast alle Punkte unten links angesiedelt, was auf eine geringe Lebenserwartung (fast alle Staaten liegen unter 40 Jahren) und ein geringes Pro-Kopf Einkommen hinweist. Während den letzten 200 Jahren haben sich alle Kreise nach oben und die meisten gleichzeitig nach rechts bewegt.

Gapminder Grafik

Und die Zahlen der nächstfolgendenTabelle zeigen, dass auch zwischen 1950 und 2010 (die Weltbevölkerung stieg in diesem Zeitraum von 2,4 bis auf 6,89 Milliarden an, das ist fast eine Verdreifachung) die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit von 56 auf 72 Jahre angestiegen ist. Im krisengeschüttelten und wirtschaftsschwachen Afrika war der prozentuale Anstieg sogar mit 44,5% der zweitstärkste (nach Asien mit 60,8%).

Lebenserwartung

Unter dem Bevölkerungsdruck nahm der weltweite Wohlstand nicht ab, wie man das vor 200 Jahren hätte erwarten können, sondern er nahm kontinuierlich zu (siehe auch “Die Entwicklung der Weltbevölkerung“)

Dieser Trend hat sich auch im Zeitraum 1990-2010 bestätigt, betrachtet man zum Beispiel die Zahlen über die prozentuale Veränderung der an Nahrungsmangel leidenden Menschen weltweit. 1990 leideten 15,4% der damals 5,3 Milliarden Menschen unter Nahrungsmangel, im Jahr 2000 waren es nur noch 13,5% und laut Voraussagen der Welternährungsorganisation (FAO) wird dieser Prozentsatz im Jahr 2015 bis auf 9,1% und bis 2030 sogar bis auf 6,7% gesunken sein. Die Ursachen für diese Entwicklung sind an aller ersten Stelle die steigenden Hektarerträge in der Landwirtschaft und der zuneh-mende Welthandel. In seiner mehr als 400 Seiten umfassenden Studie im Auftrag der OECD («Die Weltwirtschaft: eine Milleniumsperspektive») weist Angus Maddison darauf hin, dass das weltweite Pro-Kopf-Einkommen zwischen 1820 und 1998 um mehr als das Achtfache gestiegen ist.

Wie aber verhält es sich mit der Entwicklung der Ungleichheiten zwischen Ländern und Individuen?

An anderer Stelle hatte ich darauf hingewiesen, dass die Einkommensunterschiede zwischen den Ärmsten und den Reichsten gewaltig sind.

Bei einer genaueren Analyse der weltweiten Ungleichheiten ist darauf zu achten, dass man sowohl die Ungleichheiten zwischen den Ländern als auch innerhalb der Länder (also zwischen den Gesellschaftsschichten und den einzelnen Individuen) berücksichtigt. Zur Messung der Ungleichheiten zwischen den Ländern wird in der Regel das durchschnittliche Pro-Kopf Einkommen benutzt. Um die Ungleichheiten innerhalb eines Landes zu messen, benutzt man den GINI-Index, eine aus mehreren Variablen errechnete Zahl, die zwischen 0 (die Einkommen aller berücksichtigten Individuen oder Länder sind absolut gleich) und 1 schwankt ( ein Index von 1 würde bedeuten, dass die Einkommen zu 100% auf eine Person konzentriert sind). Natürlich treffen weder 1 noch 0 in der Wirklichkeit zu. Je näher der Index also zu 0 tendiert, umso geringer sind die Ungleichheiten.

Betrachtet man die obenstehenden Grafiken, so ist klar zu erkennen, dass die Ungleichheiten zwischen 1800 und dem Jahr 2000 global zugenommen haben. Die Wolke wurde in beide Richtungen (also vertikal und horizontal) immer weiter auseinandergerissen. Betrug der Einkommensunterschied zwischen den ärmsten und den reichsten Ländern im Jahr 1800 etwas mehr als 2000.- US-Dollar, so war er um das Jahr 1900 schon auf fast 6000.- US-Dollar angestiegen und im Jahr 2000 verzeichneten Länder wie die USA und das Vereinigte Königreich Pro-Kopf Einkommen von über 40 000.- US-Dollar, wohingegen ein Großteil der afrikanischen Länder sich immer noch unter der 1000-Marke befindet.

Der französische Ökonom Jean Gadrey weist in einem Artikel in der französischen Zeitschrift «Alternatives économiques» vom März 2007 darauf hin, dass die Einschätzung der Ungleichheiten auf der Welt ein komplexes und umstrittenes Problem darstellt und zu sehr unterschiedlichen Resultaten führt, je nachdem welche Berechnungsmethode angewandt wird. So ergibt sich, je nach Berechnungskonzept, einmal eine Vergrößerung der Ungleichheiten innerhalb der Länder während der letzten Jahrzehnte und ein andermal eine Verringerung.

Insbesondere die Gegner der Globalisierung weisen immer wieder darauf hin, dass die freie Marktwirtschaft und das kapitalistische System im Allgemeinen die Ungleichheiten weltweit vergrößert haben. Da dieses System auf Konkurrenz beruht, werden die Leistungsschwächeren vom Markt verdrängt, während die Stärkeren immer mächtiger und reicher werden. Innerhalb vieler Länder sind auch tatsächlich die Ungleichheiten zwischen den Regionen und den Individuen während den letzten drei Jahrzehnten gestiegen (so ist zum Beispiel in China der GINI-Index innerhalb der letzten 30 Jahre von 0,16 bis auf 0,46 gestiegen).

Betrachtet man die Zahlen über die Entwicklung der absoluten Armut weltweit (siehe Tabelle unten), bietet sich allerdings wieder ein ganz anderes Bild. Laut Weltbank gelten Menschen als absolut arm, wenn sie mit weniger als 1,25.- US-Dollar pro Tag auskommen müssen (bereinigt um Kaufkraftunterschiede und Preissteigerungen zwischen den Ländern). Zwischen 1980 und 2005 sank die globale Armutsquote weltweit von 52 auf 26%.

Veränderung der Zahl der Ärmsten

Dieser Entwicklung halten nun Kritiker wieder entgegen, dass diese relativ positive Entwicklung hauptsächlich auf das rasante Wirtschaftswachstum Chinas und Indiens zurückzuführen ist und man diese beiden Länder von den Berechnungen eigentlich ausschließen müsste. Mit welcher Begründung China und Indien von einer globalen Einschätzung der absoluten Armutsentwicklung ausgeschlossen werden sollten, bleibt mir allerdings ein Rätsel. Die Chinesen und Inder machen 36% der Weltbevölkerung aus und gerade in diesen beiden Schwellenländern zeigt sich, wie die Öffnung der Märkte und das freie Unternehmertum es geschafft haben, hunderte von Millionen aus der Armut zu befreien. In China gibt es inzwischen eine relativ gut verdienende Mittelschicht von rund 350 Millionen Menschen und laut einer Studie des «Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung» (Ifad) fiel die Zahl der extrem Armen um zwei Drittel, von 356 auf 117 Millionen Menschen (nur noch knappe 9% der Gesamtbevölkerung).

Ich möchte schließlich in diesem Zusammenhang noch ein drittes Mal auf die obenstehenden Grafiken hinweisen und das wohl entscheidendste Merkmal an dieser Entwicklung hervorstreichen.

  Ist, wenn man die obere mit der unteren Grafik vergleicht, nicht unverkennbar zu sehen, dass die Wolke sich insgesamt in Richtung obere rechte Ecke bewegt. Geht die Gesamtentwicklung nicht eindeutig in Richtung «immer mehr Wohlstand für immer mehr Menschen»?

  Damit stellt sich dann aber auch eine ganz andere entscheidende Frage: wenn tatsächlich während den letzten 200 Jahren weltweit immer mehr Wohlstand geschaffen werden konnte dank Industrialisierung, Handel und internationaler Arbeitsteilung, war diese Entwicklung dann vielleicht nur möglich, weil sie auf einer rücksichtslosen Ausbeutung der Naturressourcen beruhte, und bleibt noch genug übrig davon, um den kommenden Generationen eine Entwicklung in die gleiche Richtung zu ermöglichen? Wie verhält es sich also mit den derzeit verfügbaren Ressourcen, mit den Rohstoffen und Energiequellen, mit der Nahrungsproduktion und dem trinkbaren Wasser?
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Das ist unsere Welt

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Ressourcen für 7 Milliarden Menschen

5% der 7 Milliarden Menschen, die die Erde bewohnen, verbrauchen 25% aller verfügbaren Ressourcen. Zu diesen Ressourcen gehören zum Beispiel Rohstoffe wie Erze, Holz, Baumwolle oder Energieressourcen wie Erdöl und Erdgas, aber auch Wasser und Nahrungsmittel.

20% der Weltbevölkerung verbrauchen 80% der Energie. Laut Einschätzungen der Internationalen Energie-Agentur IEA verbrauchen die 2,2 Milliarden Einwohner der unterentwickelten Länder bis zu 35-mal weniger elektrische Energie als die 1,3 Milliarden Einwohner der Industrieländer.
In den USA gibt es 3 Autos je 4 Einwohner. Wäre dieses Verhältnis genauso in China, dann gäbe es in diesem Land 1 012 500 000 Autos. In Deutschland gab es Anfang 2009 über 41 Millionen Personenkraftwagen, das ist 5-mal so viel wie auf dem ganzen afrikanischen Kontinent.
Es gibt zurzeit 900 Millionen Autos weltweit (davon fahren 235 Millionen in den USA, wovon wiederum 10% allein in Los Angeles fahren und somit fast ein Viertel des Stadtgebietes bedecken).
Würde jeder dem Modell der modernen Industrieländer folgen, gäbe es auf der Erde schätzungsweise 5 Milliarden Autos.

  Würden die 7 Milliarden Menschen, die die Erde bevölkern, alle so leben wie die Einwohner der so genannten modernen Industriestaaten, dann bräuchten wir 5 Erden, um genug Ressourcen für alle zu haben.

In den 1990er Jahren entwickelte der Schweizer Mathis Wackernagel zusammen mit William Rees das Konzept des ökologischen Fußabdrucks. Jeder Mensch benötigt eine gewisse Fläche Erde, um seinen Lebensstandard zu gewährleisten. Gemessen werden also alle Ressourcen, die für Produktion, Verbrauch und Aufnahme von Abfall nötig sind. Folgende Komponenten werden bei der Messung berücksichtigt: landwirtschaftlich genutzte Flächen, Wälder, Fischgründe, Weideland, bebautes Land (Verkehrsnetz, Wohnsiedlungen, Industrien z. B.), die Flächen, die notwendig sind zur Abfallbeseitigung und das durch menschliche Aktivitäten ausgestoßene Kohlendioxid.
Im Zusammenhang mit dem ökologischen Fußabdruck wird auch die Menge an Rohstoffen und Energie errechnet, die eine bestimmte Fläche liefern kann. Man bezeichnet sie als Biokapazität. Wenn der Fußabdruck größer ist als die Biokapazität, dann besteht eine negative Ökobilanz. Die Maßeinheit zur Berechnung des ökologischen Fußabdrucks und der Biokapazität ist der globale Hektar (gha).
Die globale, also weltweite Ökobilanz, ist seit Mitte der 1980er Jahre negativ.
Zurzeit gibt es 11,5 Milliarden Ha Land auf der Erde, die biologisch reproduktiv sind. Teilt man diese Fläche durch die 7 Milliarden Menschen, die die Erde bevölkern, dann ergibt das 1,8 Ha pro Kopf. Beansprucht werden aber durchschnittlich 2,2 Ha. Das globale ökologische Defizit beträgt also etwas mehr als 20%.
In der Schweiz beansprucht ein Mensch im Durchschnitt 5,5 Hektar, in den USA sind es 9,6 Ha, in den Vereinigten Arabischen Emiraten sogar 11,9. In China sind es lediglich 1,6 und in Indien nur noch 0,8.

John Antony Allen prägte den Begriff vom «virtuellen Wasser». Es ist die gesamte Wassermenge, die zur Erzeugung eines Produktes be-nötigt wird. So sollte richtigerweise bei der Fleischproduktion nicht nur das Wasser verrechnet werden, das die Tiere trinken, sondern auch die Wassermengen, die nötig sind für die Bewässerung der Felder, auf denen die Futterpflanzen für die Tiere wachsen. Im Durchschnitt werden zwischen 15 000 und 20 000 Liter Wasser für die Erzeugung von einem Kilogramm Rindfleisch verbraucht. Für eine Tasse Kaffee (ein reines Genussmittel) werden durchschnittlich 140 Liter Wasser benötigt, rechnet man die Wassermengen mit, die beim Anbau der Kaffeesträucher, für die Röstung der Bohnen, sowie bei der Verschiffung und der Zubereitung von Kaffee benötigt werden. Für die Herstellung eines Autos werden bis zu 400 000 Liter virtuelles Wasser benötigt.
Man schätzt, dass durch die globalisierte Wirtschaft jedes Jahr bis zu 1000 Kubikkilometer Wasser in fremde Länder exportiert werden.
Diese Beispiele und Rechnungen machen klar, dass das Problem der Überbevölkerung in einem neuen Licht gesehen werden muss.
Unter diesem Gesichtspunkt sind es nämlich vor allem die modernen Industriestaaten, die stark überbevölkert sind, da sie durch ihren Lebensstil und ihre Verbrauchergewohnheiten die verfügbaren Ressourcen überbeanspruchen.

Die entscheidende Größe ist nicht die Gesamtzahl der Menschen oder die durchschnittliche Zahl der Menschen pro Quadratkilometer (also die Bevölkerungsdichte), sondern das Maß der Beanspruchung der verfügbaren Ressourcen, also der Lebensstil dieser Menschen.
(Ausschnitt aus “Das ist unsere Welt“; 356 Seiten, Paperback)
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HIER können Sie Ihren persönlichen ökologischen Fußabdruck berechnen.

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