Städte für die Zukunft

Marina Bay Sands

Sie gelten als die Hauptverursacher des Klimawandels und die größten Energie- und Rohstoffverbraucher. Verkehrsstaus, Lärm, Menschenmassen, hohe Kriminalitätsraten, Chaos, Korruption, Slums, Abfallberge und Wohnungsnot kennzeichnen viele von ihnen. Die Großstadt des 21. Jahrhunderts: ein Krebsgeschwür, ein Tumor, ein alles verschlingender Moloch?

Aber sie sind auch Orte kultureller Vielfalt, Orte des Wissens, der Kreativität und der Innovation. Sie waren die Wiege der Demokratie, der Philosophie und der industriellen Revolution.

Vor allem aber sind sie die Haupträume menschlichen Zusammenlebens und im 21. Jahrhundert fällt ihnen eine ganz besondere Rolle zu: in den Städten wird sich zeigen, ob der Mensch fähig ist, die ökologische Wende einzuleiten und dafür zu sorgen, dass das Leben für die Menschen in Zukunft besser sein wird als heute. Denn in 40 Jahren werden knapp 80% der 9 Milliarden Menschen auf der Erde in städtischen Räumen leben.

Der 1946 im kalifornischen Fontana geborene Soziologe Mike Davis zeichnet in seinem 2006 erschienenen Buch «Planet der Slums» ein ziemlich düsteres Bild über die zukünftigen Städte. Für ihn steht fest, dass die Mehrheit der Stadtbewohner des 21. Jahrhunderts im Elend versinken wird. Er geht sogar so weit zu behaupten, dass «die globale Beschäftigungskrise in den Städten unsere gemeinsame Zukunft ähnlich massiv bedroht wie der Klimawandel».

Es stimmt, dass der Anteil der Menschen, die gezwungen sind in Armenvierteln zu leben, in vielen Städten, insbesondere in den Megastädten der Entwicklungsländer, beängstigende Ausmaße angenommen hat. Dafür lassen sich zahlreiche Beispiele anführen und wenn man sich Bilder anschaut von Menschen, die im Dreck und in großer Armut leben, dann kann man auch die Entrüstung verstehen, die im Buch von Mike Davis zum Ausdruck kommt. Hunderte von Millionen Menschen leben ohne Stromversorgung, haben kein fließendes Wasser und keine Kanalisation, also auch keine Toiletten. Sie verrichten ihre Notdurft im Freien. Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, Krankheiten breiten sich aus. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Schattenwirtschaft blüht. Kriminelle Taten sind an der Tagesordnung. Aus Verzweiflung verfallen immer mehr junge Frauen der Prostitution.

Dennoch, so sehr diese Zustände auch zu bedauern sind, die Lage wird sich kaum verbessern, wenn es nur dabei bleibt, dass Journalisten, Buchautoren und Filmemacher uns das Elend mit ihren Berichten und Filmen vor Augen führen. Nur konkrete Vorschläge und vor allem Handlungen können letztendlich bewirken, dass sich etwas zum Guten verändert. Mutter Teresa hätte sicher viele Bücher schreiben können über ihr Leben und ihre Erfahrungen in den Slums von Kalkutta. Sie hat es vorgezogen, an Ort und Stelle zu helfen.

Die zentrale Frage sollte nicht lauten: wie viele Menschen werden wahrscheinlich in zwanzig oder dreißig Jahren in urbanen Elendsvierteln leben und wie schlimm werden die Lebensbedingungen dieser Menschen sein? Sondern: wie sollten oder könnten zukünftige Städte aufgebaut sein und funktionieren, um eine ausreichende Lebensqualität für deren Einwohner zu gewährleisten und gleichzeitig einen vernünftigen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen zu ermöglichen? Welche durchführbaren Lösungen bieten sich an, um den betroffenen Menschen Aussicht auf eine bessere Zukunft zu ermöglichen?

Städte sind dynamische und komplexe Gebilde, deren Verwaltung und Organisierung nie einfach war und in letzter Zeit immer schwieriger geworden ist. Nirgendwo anders hat das Thema «Nachhaltige Entwicklung» eine solch hohe Brisanz wie in der Stadt. Fortschrittlicher Städtebau ist eines der besten Beispiele dafür, dass der Einfallsreichtum der Menschen und ihr Wille zum Handeln mehr als jemals zuvor notwendig sind, um die Zukunft in einem positiven Sinn zu gestalten.

Im letzten halben Jahrhundert haben in vielen Großstädten der modernen Industriestaaten und den meisten Entwicklungsländern die Dienstleistungen (Finanzinstitute, Geschäfte, Verwaltungsgebäude, Kulturzentren etc.) die Wohnfunktion in den Stadtzentren weitgehend verdrängt und die Grundstückspreise in die Höhe getrieben. Immer mehr Menschen sind in die Vororte umgesiedelt, auf der Suche nach mehr Ruhe, Grünflächen und bezahlbaren Wohnungen. Damit wurde aber die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort immer länger. Die Errichtung zusätzlicher Straßen und Autobahnen sollte dazu dienen, die Verkehrsströme zu bewältigen. Heute weiß man, dass diese funktionelle Trennung der städtischen Räume in Wohn- und Arbeitsviertel eine Fehlentwicklung war. Längere Transportwege bedeuten höhere Emissionswerte, also eine zusätzliche Belastung für das Klima, sie bedeuten aber auch Zeitverlust und täglicher Stress für die, die zwischen Wohn- und Arbeitsort hin und her pendeln müssen.

In seinem schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlichten Werk «Gardencities of Tomorrow» befürwortet der Engländer Howard Ebenezer das Konzept des ringförmig aufgebauten Stadtraums, in dem der Großteil der Menschen am Rande der eigentlichen Stadt in so genannten Gartenstädten wohnt. Diese «Vororte» sollten so weit wie möglich unabhängig vom eigentlichen Stadtzentrum sein und ausreichend Arbeitsplätze anbieten, um eben die weiter oben erwähnten Pendelbewegungen zu vermeiden. Im Idealfall wohnen in der Zentralstadt bis maximal 58 000 Menschen und in den Gartenstädten, die das Zentrum ringförmig umgeben, bis maximal 32 000 Menschen. Jede einzelne Gartenstadt wiederum ist ringförmig um einen zentralen Park angelegt, in dem sich kulturelle Einrichtungen und ein größeres Einkaufszentrum befinden. Weiter außen befinden sich ein Gewerbegürtel und ein grüner Gürtel mit Bauernbetrieben, die dafür sorgen, den städtischen Raum mit den notwendigen Lebensmitteln zu versorgen und gleichzeitig die geographische Grenze markieren, bis zu der sich die Stadt ausdehnen kann, um damit die städtische Wucherung in die Landschaft hinein zu verhindern. Der «World Wide Fund For Nature» (WWF) hat für die Initiative «One Planet Living» die Kriterien für «nachhaltigen» Städtebau folgendermaßen definiert: Null CO2-Emissionen, umweltfreundliche öffentliche Verkehrsmittel, erneuerbare Energien, regionale und möglichst energieeffiziente Baustoffe, regionale Lebensmittel, nachhaltige Wasserversorgung, vollständige Abfallverwertung sowie die Einbeziehung der derzeitigen und zukünftigen Einwohner. «Nachhaltigkeit» beruht auf drei Säulen: Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit und sozialer Fortschritt. Die Entwürfe von Howard Ebenezer und die Kriterien des WWF machen deutlich, dass es heutzutage, wenn von Millionenstädten die Rede ist, sinnvoller ist, sie als komplexe urbane Systeme zu betrachten. Und zur Neugestaltung solcher Systeme ist es von großer Bedeutung geworden, dass Experten aus sehr unterschiedlichen Fachrichtungen zusammenarbeiten. Energie-, Wohn- und Verkehrsprobleme in Städten sind untrennbar miteinander verbunden und können nur global gelöst werden. Designer, Ingenieure, Urbanisten, Wirtschaftsexperten, Geographen und Soziologen sind gefordert und mancherorts gibt es auch schon die ersten Zukunftsprojekte, die zeigen, wie die Stadt der Zukunft aussehen und funktionieren könnte. Kreativität und Wissen sind gefragt wie nie zuvor. Wie wichtig die Neu- und Umgestaltung existierender Großstädte im 21. Jahrhundert ist, erklärt sich durch die Tatsache, dass bis zum Jahr 2050 rund vier Fünftel der Menschheit in Städten wohnen werden und sich in den Städten die meisten großen Probleme und Herausforderungen der Menschheit kristallisieren werden.

Die Städte sind nicht nur die wichtigsten Zentren der Weltwirtschaft und Politik (der Großteil des weltweiten BIP entsteht in den Städten), sie sind auch die Hauptemissionsräume von CO2. Im Vorwort der 180 Seiten umfassenden Studie, die die Diskussion des internationalen Kongresses vom 26. und 27. Mai in Berlin «Urban Futures 2050 – Szenarien und Lösungen für das Jahrhundert der Städte» begleitet und von zahlreichen Experten zusammengestellt wurde, schreibt Ralf Füchs: «Es geht um eine epochale Transformation der Industriegesellschaft und der Stadt als ihrem Zentrum». In der Einführung von Sabine Drewes heißt es weiter: «Stadt und Zukunft – das scheint im 21. Jahrhundert unverbrüchlich miteinander verbunden. In den Städten entscheidet sich die Zukunft der Menschheit. Falls sich die bestehenden Trends des Bevölkerungswachstums, des Ressourcenverbrauchs und des Klimawandels in die Zukunft fortsetzen würden, wäre das beängstigend. Eine menschliche Zivilisation, die sich mit dem Planeten Erde arrangiert, muss zwangsläufig in den Städten beginnen. Das heißt: Wer Interesse an der Zukunft der Menschheit und des Planeten hat, muss sich mit der Zukunft der Städte beschäftigen».

Inzwischen wird die beschleunigte Urbanisierung der Welt von zahlreichen Experten auch nicht mehr als unvermeidbares Übel angesehen, sondern man ist eher der Meinung, dass die Konzentration der Menschheit in den Städten es erlaubt, mehr Natur vor der Zerstörung zu bewahren und Millionen Menschen aus der Armut zu helfen (die Durchschnittslöhne liegen in den meisten Städten weit über denen auf dem Land). Hinzu kommt, dass die Versorgung (mit Konsumgütern, wie Lebensmittel und Kleider zum Beispiel) von, sagen wir mal 10 Millionen Menschen, die in einer großen Stadt leben, weniger Transporte benötigt (und damit weniger CO2-Emissionen verursacht), um die gebrauchten Güter zu den Konsumenten zu bringen, als wenn 10 Millionen Menschen in 10 verschiedenen Städten wohnen mit jeweils 1 Million Einwohner oder über einen sehr ausgedehnten ländlichen Raum in unzähligen Dörfern verstreut sind.

Die neuen Städte werden Städte der kurzen Wege sein, Städte, in denen die Distanz zwischen arbeiten, wohnen und einkaufen wieder schrumpfen wird und die unterschiedlichen Funktionen sich räumlich miteinander vermischen. Es werden Städte sein, die zu einem großen Teil mit Lebensmitteln versorgt werden, die aus dem unmittelbaren Umland stammen, oder sogar in der Stadt selbst in Hochhäusern angebaut werden. Es werden grüne Städte sein, mit Parkanlagen zum Flanieren, Straßenbäumen, Straßenbegleitgrün, Kleingärten und begrünten Dächern und Fassaden. Energieeffiziente Gebäude werden die alten energieverschwendenden Gebäude immer mehr ersetzen. Energie-Plus-Häuser, ja ganze Siedlungen und Stadtviertel werden sogar mithilfe von Sonnenenergie mehr Strom produzieren als sie verbrauchen. Die Lösungen für solche Projekte liegen vor und manche Architekturbüros, wie das des deutschen Architekten Rolf Disch (Rolf Disch Solararchitektur), der für seine Ideen eine ganze Reihe Preise und Auszeichnungen erhielt, haben auch schon zahlreiche Projekte in aller Welt verwirklicht.

Die Bedeutung des Autos als wichtigstes Transportmittel wird abnehmen, die von öffentlichen Transportmitteln und Fahrrädern zunehmen. Wenn überhaupt, dann werden innerhalb der Städte bevorzugt Elektro-Autos zum Einsatz kommen. Das französische Forschungsinstitut INRIA hat sogar schon ein mit GPS zur Orientierung und mit Kamera und Lasergerät zum Erkennen von Hindernissen ausgerüsteter Cyber-Auto-Prototyp entwickelt, das ohne Fahrer zurechtkommt und das man per Mobiltelephon herbeirufen kann. Die Bestellung wird an eine Zentralstelle weitergeleitet, von wo aus das Auto ermittelt wird, das dem Aufruf am nächsten ist und anschließend zum Besteller geschickt wird. Ein Computer an Bord verarbeitet alle Informationen und lenkt das Fahrzeug.

Car2go ist ein neues Mobilitätskonzept zur Fortbewegung in der Stadt, das von der deutschen Daimler AG in Ulm, Austin (Texas), Vancouver, San Diego (Kalifornien), Amsterdam, Wien und Düssel-dorf im Rahmen von Pilotprojekten angeboten wird. Zur Nutzung ist zunächst eine neunzehn Euro teure Online-Registrierung notwendig, um das Siegel auf dem Führerschein zu erhalten. Anschließend kann man einen der 300 angebotenen Smart Autos für 24.- Cents pro Minute mieten. Die Kosten für die Fahrt werden automatisch über das Bankkonto des Fahrers abgebucht. Die Abrechnung erfolgt im Minutentakt und beinhaltet die zurückgelegte Distanz, sowie die Kosten für Versicherung und Kraftstoff. Es ist also ein flexibles Kurzzeitvermietgeschäft, da sich der Mieter nicht im Voraus auf die Mietzeit festlegen muss. Über eine Hotline lässt sich ein Car2go-Auto auch telefonisch reservieren. Car2go-Abstellplätze verteilen sich über das ganze Stadtgebiet. Das Konzept ist neu, einfach, zuverlässig und kostengünstig. Auch andere Firmen wie die französische PSA-Gruppe und BMW arbeiten an ähnlichen Ideen des Autoteilens (carsha-ring) in Städten.

Der britische Forscher und Autor Charles Landry, der international als Berater für Stadtentwicklung tätig ist, unterstreicht die zentrale Rolle der menschlichen Kreativität bei der Schaffung und Erneuerung von umweltfreundlichen Städten mit hoher Lebensqualität. Seine 1978 gegründete Kulturberatungsagentur «Comedia» hat bisher schon mehrere hundert Projekte in zahlreichen Ländern weltweit verwirklicht. Auch er weist darauf hin, dass die Städte immer im Zentrum von kulturellen und zivilisatorischen Veränderungen gestanden haben und dass, angesichts der Bündelung zahlreicher sozialer, wirtschaftlicher und infrastruktureller Probleme in den Städten, die ökologische Erneuerung im 21. Jahrhundert von ihnen ausgehen wird und muss.

Ermutigende Beispiele, die zeigen, wie solche Städte, oder zumindest vereinzelte Stadtviertel, in Zukunft funktionieren könnten oder sollten, gibt es schon in zahlreichen Ländern weltweit.

Masdar City, eine halbe Stunde mit dem Auto von Abu Dhabi entfernt, ist ein futuristisches, 6,5 Quadratkilometer großes Stadtprojekt für 50 000 Menschen, das mitten in der Wüste entstehen soll. Umweltfreundlich, CO2-neutral; die erste Öko-Metropole der Welt. Die Wasserversorgung soll mit solarbetriebenen Entsalzungsanlagen sichergestellt werden, konsequentes Recycling macht die Müllentsorgung überflüssig. In die Gebäude integrierte Solarzellen, ein Solarkraftwerk und Windkraftanlagen sollen für die Stromversorgung sorgen. Kein Ort im Stadtgebiet soll weiter als 200 Meter von einer Haltestelle eines öffentlichen Verkehrsmittels entfernt sein. 2500 Elektroautos und eine Elektrobahn stehen für den Verkehr zur Verfügung. Hohe Mauern schützen die Stadt vor dem warmen Wüstenwind. Kosten: 22 Milliarden Dollar. Bis 2025 soll die Stadt der Zukunft fertig sein.

Im Mündungsgebiet des chinesischen Jangtse-Flusses liegt die Insel Chongming, auf der die erste asiatische CO2-neutrale und autofreie Stadt für geplante 1 Milliarde Euro entstehen soll. In der Öko-Stadt Dongtan sollen bis zur Fertigstellung des Projekts im Jahr 2050 bis eine halbe Million Menschen auf einer 13 800 Hektar großen Inselgruppe leben. Nahezu 100% der produzierten Abfälle sollen wiederverwertet werden und die Stromerzeugung soll ausschließlich mit Wind- und Biomasse-Kraftwerken erfolgen. Das Ingenieurbüro Arup, das mit dem Entwurf des Projekts beauftragt wurde, ist an der Planung von fünf weiteren Öko-Städten beteiligt.

In der Bucht von San Francisco soll auf einer 21 Hektar großen, künstlich aufgeschütteten Insel, eine der umweltfreundlichsten Siedlungen der USA entstehen: Treasure Island.

Im Südosten der chinesischen Provinz Shandong, 620 Kilometer nördlich von Shanghai,  liegt die Sonnenstadt Rizhao. Seit 1992 achtet die Stadtverwaltung darauf, dass in allen neu errichteten Gebäuden Solarwarmwasserbereiter eingerichtet werden. Im Stadt-zentrum benutzen inzwischen so gut wie alle Haushalte solche Anlagen, in den Vororten der Stadt sind es 30%. Finanzielle Unterstützung von der Regierung, der politische Wille der Stadtverwaltung, die Technik auch einzusetzen, ergänzende Werbungskampagnen übers Fernsehen und mithilfe von Seminaren haben einen Bewusstseinswandel bei der Bevölkerung ermöglicht. Die Sonnenkollektoren bedecken inzwischen eine Fläche von mehr als einer halben Million Quadratmeter. Trotz des rasanten Wirtschaftsaufschwungs (Rizhao ist der größte Kohleexporthafen Chinas, die Auslandsinvestitionen steigen und zahlreiche Sehenswürdigkeiten, wie der Wulianberg, mehrere Tempel aus verschiedenen Dynastien, die größte asiatische Altstadt und eines der größten asiatischen Zentren für wilde Azaleen, treiben die Entwicklung der Tourismusindustrie voran) zählt die Stadt zu den zehn chinesischen Städten mit der besten Luft, verfügt über einen 100 Kilometer langen Sandstrand, sauberes Meerwasser und mehrere Waldparks an den Waldhängen.

Curitiba ist eine brasilianische Großstadt im Südosten des Landes mit 1,7 Millionen Einwohner und ist weltweit bekannt für seine gelungene Transport- und Sozialpolitik. 85% der Bevölkerung benutzen das öffentliche Bussystem.  Pro Einwohner gibt es 54 Quadratmeter Grünfläche und außerdem verfügt die Stadt über zahlreiche, frei verfügbare Bildungszentren wie Bibliotheken, Internet-Zentren und kulturelle Einrichtungen. Curitiba gilt als eine der innovativsten Städte der Welt.

Das Magazin «Economist Intelligence Unit» zeichnet alljährlich die lebenswerteste Stadt weltweit aus, indem insgesamt 30 Faktoren berücksichtigt werden, wie Gesundheitsversorgung, Kriminalität, Bildung, Infrastruktur und viele andere mehr. Im Jahr 2011 fiel die Wahl auf die australische Millionenmetropole Melbourne. In Melbourne hat sich die Stadtverwaltung zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 die Kohlenstoffemissionen drastisch zu verringern. Im Jahr 2003 wurden die Dächer des Queen-Victoria-Markts, ein sieben Hektar großes Einkaufszentrum aus dem 19. Jahrhundert, mit 1328 Solarpanelen versehen und ist somit die größte Fotovoltaik-Anlage auf der südlichen Halbkugel. Das Projekt ist Teil einer weitumfassenden Umweltpolitik, die unter anderem eine Verbesserung der Energieausnutzung in allen öffentlichen Gebäuden vorsieht. Eines der bekanntesten Projekte nennt sich CH2 («Council House 2»), das neue Bürogebäude des Stadtrats von Melbourne. In einem siebenminütigen Video erklärt der Projektleiter Professor Rob Adams die nachhaltigen Einrichtungen des Gebäudes (wie zum Beispiel spezielle Belüftungs- und Wasserrückgewinnungsanlagen), die, im Vergleich mit dem alten Gebäude, eine Reduzierung des Energieverbrauchs um 87 Prozent ermöglichen. Eine von zahlreichen Initiativen des Stadtrats ist die Organisation eines Forums, das viermal pro Jahr stattfindet und das Bauherren, Makler und Architekten  zusammenbringen soll, damit letztere ihre Ideen über «nachhaltigen» Städtebau austauschen können. Des Weiteren wurde ein Fonds eingerichtet zur Förderung wassersparender Anlagen in öffentlichen Gebäuden und den Unternehmen das Geld zur Anschaffung der Einrichtungen zur Verfügung stellt, das dann später, dank der geringeren Wasserrechnungen, an den Fonds, mitsamt Zinsen, zurückgezahlt werden kann.

Nach der Schließung einer Werft und einer Saab-Fabrik im Norden der Stadt  Malmö (nach Stockholm und Göteborg, die drittgrößte Stadt in Schweden) nutzte die Stadtverwaltung die dadurch entstandene Industriebrache zum Bau eines Wohnviertels, in dem die Energieversorgung der Gebäude ausschließlich mithilfe erneuerbarer Energiequellen gesichert wird: eine Zwei-Megawatt-Windkraftanlage und eine 1200 Quadratmeter große Solaranlage auf einem der Häuser. Im Arbeiterviertel «Augustenborg» wurden, unter Einbeziehung der Bevölkerung, zahlreiche ältere Häuser saniert. 17% des Abfalls werden dank Mülltrennung und mithilfe von Biogasanlagen wiederverwertet. Fahrradwege verbinden das Viertel mit dem Stadtzentrum und ein  «Carsharing-System» mit Flüssiggasfahrzeugen wurde eingerichtet.

Südlich der portugiesischen Hauptstadt Lissabon liegt die Öko-Ferienanlage «Mata de Sesimbra», eine von mehreren Initiativen von «One Planet Living». Eine 500 Ha große Ferienanlage mit 25 000 Betten (Kostenpunkt: etwas über 1 Milliarde Dollar) bildet das Herzstück des Projekts. Eine 15 Ha große Solaranlage sorgt für die Energiezufuhr, die Wasserversorgung wird durch das «Einsammeln» von Regenwasser sichergestellt und eine Kläranlage vor Ort reinigt das Abwasser. Südlich an die Anlage schließt sich ein 4800  Ha großes Naturschutzgebiet an. Außerdem sollen mehrere Wildkorridore den Lebensraum der Tiere schützen und ehemalige Feuchtgebiete wiederhergestellt werden.

In einer Veröffentlichung der «University of Westminster International Eco-Cities Initiative» vom November 2011 werden 178 Ökostadt-Projekte aufgeführt aus aller Welt.Ökostädte werden von den Autoren des Berichts als ein globales, sich rasch entwickelndes Phänomen bezeichnet. Laut Angaben der Weltbank gibt es derzeit allein in China über hundert Ökostadt-Initiativen.

Die ausgereifteste Vision darüber, wie die ideale Stadt aussehen und funktionieren könnte, die mir während meiner Recherchen unter die Augen gekommen ist und die mit eindrucksvollen Computer-Animationen in einem zwölfeinhalbminütigen Film (The Venus Project) dargestellt und erklärt wird, ist die von Jacques Fresco, ein US-amerikanischer Autor, autodidaktischer Sozial-Architekt und Erfinder, der in Florida lebt. Seine Ideen bringen uns wieder zurück zu den Konzepten, die Howard Ebenezer Anfang des 20. Jahrhunderts verkündet hatte. Für den Futuristen Jacques Fresco ist die ideale Stadt kreisförmig aufgebaut. Im Zentrum befinden sich öffentliche Einrichtungen, wie Geschäfte, kulturelle Gebäude, Verwaltungen usw. In einer runden Stadt sind die Wege überall von A nach B am kürzesten. Das spart Energie und Zeit. Die Aktivitätsbereiche sind ringförmig um das Zentrum angelegt: Arbeitsbereich, Wohnbereich, Landwirtschaftsgürtel und Grünzonen zum Erholen, alles hat seinen vorbestimmten Platz. Erreicht die Stadt eine bestimmte kritische Größe, dann sollte eine neue entstehen; das soll die Probleme von Megastädten vorwegnehmen. Jacques Fresco weist darauf hin, dass es, langfristig gesehen, besser und kostengünstiger ist, neue Städte zu planen und zu bauen, als alte Städte zu verbessern und zu sanieren. Im Rahmen seines Venus-Projektes unterstreicht der inzwischen 95-jährige Futurist, dass «die Welt reich an natürlichen Ressourcen und Energie sei und dass mit moderner Technologie, vernünftiger Effizienz und gleichzeitiger Aufhebung der Beschränkungen der ökonomischen Entwicklungsfähigkeit sämtliche Bedürfnisse der globalen Bevölkerung im Überfluss befriedigt werden können.

«National Geographic»-Autorin Erla Zwingle schreibt in einer Reisereportage vom 1. März 2003 über die Megastädte São Paulo, Bangkok und Laos: «Ich war darauf vorbereitet, von Eindrücken überwältigt zu werden, und so kam es. Es waren aber nicht das heillose Durcheinander, die Luftverschmutzung, die überfüllten Slums, die Wolkenkratzer und die stinkenden Flüsse, die mich am meisten beeindruckten. Es waren die Menschen: zäh, freundlich, aufrichtig und voller Hoffnung. Ihre Städte sind, entgegen einem oft gebrauchten Bild, keine überladenen Frachtschiffe, steuerlos und mit leckge-schlagenem Rumpf. In den modernen Vorstädten genauso wie tief in den Vierteln der Altstädte entdeckte ich: Was als größte Last dieser Städte empfunden wird, ist gleichzeitig ihr größter Reichtum. Es sind die Menschen. Ihr Problem, ihre Herausforderung ist es nun, einen Weg in die Zukunft zu finden

Mike Davis (Planet der Slums; Oktober 2011) würde beim Lesen der vorangegangenen Beispiele wahrscheinlich den Kopf schütteln und Ideen wie die von Jacques Fresco als bloße Wunschträumerei abtun, oder Projekte wie die des schwedischen Stadtviertels «Malmö» und das der spanischen Ferienanlage «Mata de Sesimbra» als Tropfen auf den heißen Stein bezeichnen, angesichts der Tatsache, dass 1 Milliarde Menschen weltweit derzeit in Slums wohnen (Tendenz steigend).  Deshalb noch ein letztes Beispiel dafür, dass konkretes Handeln und der Einsatz zur Verwirklichung unzähliger Projekte vor Ort letztendlich die einzig vernünftige Alternative darstellt, um die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass eben noch lange nicht alles verloren ist. Die 1952 in Mumbai geborene Aktivistin für Menschenrechte Sheela Patel gründete 1984 die «Society for the Promotion of Area Resources Centers» (SPARC). Heute zählt SPARC zu den größten indischen Nichtregierungsassoziationen und setzt sich in Zusammenarbeit mit der «National Slum Dwellers Federation» und «Mahila Milan» für besseres Wohnen in 70 indischen Städten ein. In einem Interview mit Sonja Ernst von der «Bundeszentrale für politische Bildung» sagt Sheela Patel: «Mumbai ist eine Stadt, in der die Slums nicht versteckt sind. Jeder sieht sie, Slumbewohner und Menschen aus der Mittelschicht leben in dieser Stadt Tür an Tür. Mumbai ist für Frauen weitestgehend sicher. Ich kann zum Beispiel nachts für gewöhnlich mit dem Taxi oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, obwohl es hier kürzlich einige Vorfälle gab, die uns alle schockiert haben. Besonders zu erwähnen ist, dass in der Vergangenheit bei Überflutungen in Bombay die betroffenen Menschen, Arm und Reich, zusammengestanden und sich gegenseitig geholfen haben – ganz im Gegensatz zu den Bildern, die wir vom Hurrikan Katrina in New Orleans gesehen haben, wo nur die arme Bevölkerung unter der Katastrophe gelitten hat. Diese Stadt ist sehr aktiv und hat eine lange Tradition der Zusammenarbeit, auf die wir alle sehr stolz sind».

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