Nahrung für 9 Milliarden

Das Potenzial zur ausreichenden Ernährung von etwas mehr als 9 Milliarden Menschen, die im Jahr 2050 auf der Erde leben werden, ist definitiv vorhanden, und das gleich aus mehreren Gründen.
In einigen der größten Rindermastbetriebe der Welt werden jährlich bis zu 200 000, mit Medikamenten, Impfstoffen, Hormonen und Kraftfutter vollgestopfte Jungrinder in genormten Mastbuchten in weniger als 6 Monaten bis zur Schlachtreife gefüttert. In solchen Betrieben werden täglich bis zu 1000 Tonnen Getreide verfüttert und 3000 Rinder zu den konzerneigenen Schlachthöfen gebracht. Dass die Tiere unterwegs dorthin heftig Stresshormone entwickeln, liegt auf der Hand.
Um den Fleischkonsum der Menschheit zu gewährleisten, werden jedes Jahr schätzungsweise 60 Milliarden Tiere geschlachtet, also in etwa 1900 Stück pro Sekunde.
Und obschon bei der Massentierhaltung die Tiere meistens unter abscheulichen Bedingungen gehalten werden, die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch bis zu 20 000 Liter Wasser benötigt (die «Produktion» von einem Kilogramm Getreide dagegen nur 50 Liter), die Fleischproduktion weltweit 80% der landwirtschaftlich genutzten Flächen beansprucht (tierische Lebensmittel stellen aber nur 17% der zur Verfügung stehenden Nahrungsmittel), sowie ein Zehntel des Süßwassers und verantwortlich ist für 18% der weltweit ausgeschiedenen Treibhausgase, hat sich der Fleischkonsum pro Kopf in den letzten 50 Jahren weltweit mehr als verdoppelt. Weltweit wurden 2010 knapp 300 Millionen Tonnen Fleisch «produziert». Die US-Amerikaner verzehren jedes Jahr zwischen 120 und 130 Kilogramm Fleisch pro Kopf, die Dänen sogar 146 Kilogramm, in Frankreich und Deutschland sind es immerhin noch 70, respektive 60 Kilo (der tatsächliche Konsum ist für viele Fleischkonsumenten deutlich höher, da in diesen Durchschnittsmengen die Vegetarier mit verrechnet werden). Die deutsche Zeitschrift «Beef» ist auf das Thema Fleisch spezialisiert und wirbt mit dem Untertitel «Für Männer mit Geschmack». Fleisch wird empfohlen als Nahrungsmittel, das gesund ist und stark macht. Es wird fast schon als Beweis für Männlichkeit angesehen, wenn ein Mann ein riesiges T-Bone-Steak vertilgt. Die Fleischwerbung präsentiert dem potentiellen Käufer eine heile Welt mit gesunden, energischen (fleischverzehrenden) Menschen und gesunden Tieren in freier Natur.
Wenn Sie in einem modernen Industrieland leben und ein Leben lang Fleisch essen, werden Sie mit Erreichen des fünfundsiebzigsten Lebensjahres zwischen sechs- und siebentausend Kilo Fleisch verzehrt haben (das ist das Gewicht von 11 ausgewachsenen Kühen). Für die Produktion einer Fleischkalorie benötigt man im Durchschnitt 7 Getreidekalorien. 36% der weltweiten Getreideernten, 70% der Sojaernte und die Hälfte der gefangenen Fische landen in Mägen von Tieren.
In einem reich dokumentierten Artikel analysiert Tobias Lambert die Folgen des Sojaanbaus in Lateinamerika.
Zwischen 1960 und 2010 ist die weltweite Sojaernte von 17 bis auf 250 Millionen Tonnen gestiegen. Nur 2% davon werden direkt von Menschen konsumiert. Die Sojafelder nehmen derzeit 6 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche ein. Die wichtigste Verwendung von Sojabohnen sind die Herstellung von Sojaöl, Biodiesel und Sojakuchen. Letzterer wird fast ausschließlich in der Tierproduktion verfüttert. In Brasilien, Paraguay, Argentinien, Uruguay und Bolivien beanspruchen die Sojafelder insgesamt eine Fläche von der Größenordnung Spaniens. An anderer Stelle wurde schon einmal auf die ungleichen Besitzverhältnisse in der brasilianischen Landwirtschaft und die damit zusammenhängenden Probleme hingewiesen. In den oben erwähnten Ländern ist die Lage sehr ähnlich, was dazu geführt hat, dass die Großgrundbesitzer sich zunehmend auf den Anbau von exportorientierten Nutzpflanzen, darunter Soja, spezialisiert haben.
China und die EU sind die wichtigsten Abnehmer von südamerikanischem Soja. Internationale Konzerne liefern das genmanipulierte Saatgut, Insekten- und Pflanzenschutzmittel, die notwendigen Maschinen für Anbau und Ernte und beteiligen sich am Ausbau der für den Export notwendigen Infrastruktur (Straßen und Häfen zum Beispiel). In Brasilien, wo fast die Hälfte des südamerikanischen Sojas angebaut wird, hat die Ausdehnung der Sojafelder seit den 1970er Jahren dazu geführt, dass große Teile der natürlichen Graslandschaften (Cerrado genannt) und des Amazonaswaldes vernichtet, sowie zahlreiche indigene Völker und kleinbäuerliche Familien vertrieben wurden. Derzeit gibt es schätzungsweise 13 Millionen Hektar Sojaanbauflächen im brasilianischen Cerrado und etwas mehr als eine halbe Million Hektar im Amazonaswald. In Argentinien nehmen die Sojafelder mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche ein. Lambert weist auch auf die gesundheitsschädlichen Wirkungen des Sojaanbaus hin, in Verbindung mit dem massiven Einsatz von Pestiziden und Herbiziden (wovon einige in der EU inzwischen verboten sind). Die chemischen Substanzen belasten das Grundwasser und die Flüsse. Zahlreiche Menschen, die in der Nähe von Sojafeldern leben, leiden an Durchfall, Erbrechen, Krebs und Allergien. Außerdem sind die Böden der großflächigen Monokulturen stark erosionsgefährdet. Trotzdem wird die Ausdehnung von Sojaanbauflächen chen aktiv von einigen südamerikanischen Regierungen gefördert. In Paraguay beispielsweise wird mit Steuererleichterungen und attraktiven Bodenpreisen um ausländische Investoren geworben.
Fast vier Fünftel aller unterernährten Kinder leben in Ländern mit Nahrungsmittelüberschuss. Der größte Teil dieser Überschüsse landet in den Viehtrögen der reichen Länder. Allein die Futtermengen, die die Schlachttiere dieser Welt verzehren, würden ausreichen, um den Kalorienbedarf der ganzen Weltbevölkerung zu decken.

Mehr zu diesem Thema in: “Das ist unsere Welt“; 356 Seiten, Paperback)

Das ist unsere Welt

button

  • Follow me on Facebook