Am Anfang war die Zelle

In diesem Kapitel erfahren Sie, was die Wissenschaft bisher herausgefunden hat über die Entstehungsgeschichte und die Funktionsweise des Lebens, insbesondere des menschlichen Körpers und in dem darauffolgenden Kapitel erfahren Sie, wie das Denken später dazu kam. Erst wenn wir verstanden haben, wie der menschliche physische Organismus und das Denkvermögen entstanden und welches ihre wichtigsten Merkmale sind, können wir im zweiten Hauptteil näher darauf eingehen, welche Fragen bisher noch völlig offenstehen, inwiefern unsere Sinnes- und Denkfähigkeiten bestimmten, von der Naturgesetzten Grenzen unterliegen und welches die Argumente sind, die dafür sprechen, dass der Mensch mehr ist als ein mit einem Denkapparat ausgestatteter physischer Organismus.

  Über die Funktionsweise des menschlichen Organismus hat die Wissenschaft innerhalb der letzten paar Jahrhunderte Erstaunliches herausgefunden. Dazu zunächst einmal einige Fakten und Beispiele, die zeigen, wie komplex und einzigartig unser Körper ist.

  Damit sich eine Menschengeburt ereignen kann, machen sich im Schnitt 300 Millionen Spermien auf den Weg, um eine weibliche Eizelle zu befruchten. Von den wenigen hundert Samenfäden, die den Eileiter erreichen (die meisten gehen unterwegs zu Grunde), kann nur ein einziges die Hülle der reifen Eizelle durchdringen, die mit 0,15 Millimeter Durchmesser die größte Zelle des menschlichen Organismus ist und die einzige, die man mit bloßem Auge sehen kann (sie ist in etwa so groß wie der Punkt am Ende dieses Satzes). Nach ihrer Befruchtung dauert es in der Regel eine knappe halbe Stunde, bis der Prozess der Zellteilung beginnt und sich nach und nach ein Mensch entwickelt.  Nach 4 Wochen in etwa sind wir schon so groß wie ein Reiskorn. Nach drei Monaten ist aus diesem «Reiskorn» schon ein Fetus geworden mit funktionstüchtigen Organen und nach 9 Monaten hat das Herz schon mehr als 50 Millionen Mal geschlagen, um uns am Leben zu erhalten. Nach der Geburt machen wir den ersten von insgesamt 500 bis 600 Millionen Atemzügen in unserem Leben. Dafür, dass uns die Luft nicht ausgeht, sorgt eine mit 230 000 Bronchien und 300 bis 450 Millionen Lungenbläschen ausgerüstete Lunge. Ein erwachsener Mensch besteht aus 50 Billionen Zellen, das sind fünfzigtausend Milliarden (eine Fünf mit dreizehn Nullen). Millionen Zellen sterben jede Sekunde (!!) in einem Menschen ab, und in etwa genauso viele werden durch Zellteilung wieder ersetzt (die Haut erneuert sich komplett einmal pro Monat). Pro Minute erzeugt unser Körper rund 300 Millionen neuer Zellen. Diese Tatsache ist besonders erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Aufbau einer lebenden Zelle alles andere als banal oder einfach ist und es überdies sogar 200 verschiedene Varianten gibt. Jede einzelne Zelle bildet eine Miniwelt für sich, mit einer ganzen Reihe von lebenswichtigen Funktionen (Aufnahme von Sauerstoff und Nährstoffen über die sie umgebende Außenmembran, Aufbau von Eiweißmolekülen, die bestimmte biochemische Reaktionen steuern) und einem Zellkern, der als Steuerzentrale fungiert und in dem der größte Teil der Erbinformationen gespeichert ist.

  Blutgefäße sind röhrenförmige Gebilde unterschiedlichen Durchmessers. Sie bilden die Transportwege, auf denen jeden Tag 8000 Liter Blut durch den Körper fließen. Jeder erwachsene Mensch hat 100 000 Kilometer davon in seinem Körper (das sind zweieinhalb Mal der Erdumfang). Unser Körper erzeugt so viel neues Blut, dass es alle vier Monate komplett ersetzt wird.

  Die durchschnittliche Herzfrequenz eines gesunden Menschen liegt bei 75 pro Minute. Das Herz eines Menschen, der 75 Jahre alt wird, schlägt also knapp 3 Milliarden Mal in seinem Leben (108 000-mal an einem Tag) und fördert während dieser Zeit etwas mehr als 1,9 Milliarden Liter Blut. Es tut das unaufhaltsam. Ein kurzzeitiger Aussetzer allerdings ist gleichbedeutend mit dem Tod.

  Mehr als 650 Muskeln sorgen dafür, dass wir uns bewegen können. Wenn wir einen Schritt machen, werden an die 200 Muskeln bewegt, zum Lächeln braucht man 17 Muskeln, zum Stirnrunzeln mehr als  40, beim Schreiben 57 Muskeln in Hand und Arm.

  Eine komplexe, zehn Kilo schwere Konstruktion, ausgerüstet mit mehreren hundert Stoßdämpfern und aus 206 Knochen zusammengesetzt (wovon die Hälfte sich in den Händen und Füßen befindet),  gibt uns Halt: das Skelett.

  500 000 Tastkörperchen in der Lederhaut (direkt unter der Oberhaut) lassen uns Berührungsreize erkennen. Mit bis zu zwei Quadratmetern Oberfläche ist die Haut unser größtes Organ, aber auch eines der empfindlichsten. 80 000 Meter Nerven stehen mit ihr in Verbindung. Wenn wir zum Beispiel eine Flasche anfassen und aufheben, werden automatisch und binnen Millisekunden von tausenden Tastrezeptoren in den Fingern entsprechende Informationen an das Gehirn weitergeleitet und sorgen dafür, dass wir die Flasche richtig erfühlen und den richtigen Druck mit der Hand ausüben, um sie heben zu können.

  Mehr als 100 Milliarden Nervenzellen bilden das 1,3 Kilogramm schwere, schmerzunempfindliche Gehirn, das 20% des eingeatmeten Sauerstoffs verbraucht. Es bildet die Denk-, Kontroll- und Steuerungsstation unseres Körpers und hat eine Speicherkapazität von schätzungsweise 2 Millionen Gigabyte, das ist die viertausendfache Speicherkapazität eines guten Laptops. 1000 Billionen (1 Billion, das sind 1000 Milliarden) Synapsen stellen die Verbindungen zwischen den Nervenzellen des Gehirns her und sorgen für seine Funktionstüchtigkeit. Es ist die komplizierteste Struktur, die die Natur auf unserem Planeten hervorgebracht hat.

  Jede Sekunde (!!) laufen in unserem Körper Milliarden (!!) chemische Reaktionen ab. Viele dauern nicht länger als der Bruchteil einer Zehntausendstel Sekunde. Sie tun das automatisch, also ohne, dass wir uns darüber Gedanken zu machen bräuchten.

   Kein Wunder, dass die Menschen bis vor ein paar Jahrhunderten geglaubt haben, dass dieses «Wunderwerk» nicht auf eine natürliche Art und Weise entstanden sein konnte. Um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass der menschliche Organismus das Resultat einer Entwicklung ist und nicht fix und fertig von einem (allmächtigen) Schöpfer in die Welt gesetzt wurde, war es zunächst einmal notwendig, zu der Erkenntnis zu gelangen, dass sich die Welt (und damit ist die Welt im weitesten Sinne gemeint, also das gesamte Universum mit allem, was dazu gehört), also auch der Mensch, fortwährend verändern, wenn auch das Meiste nur sehr langsam. So können wir unmittelbar beobachten, wie sich der menschliche (physische) Körper mit den Jahren verändert, altert und schließlich stirbt. Und wir wissen auch mit Sicherheit, dass unsere mentalen Fähigkeiten während unserer Kindheit nicht dieselben waren als heute und sich auch in Zukunft weiter verändern werden. Auch um uns herum sehen wir, wie sich alles verändert, bewirkt durch menschliche Aktivitäten oder durch die Naturkräfte: Gebäude, Straßen, Brücken und Tunnels werden gebaut, Wälder werden abgeholzt oder verbrennen, neue werden angepflanzt, Rohstoffe werden abgebaut und weiterverarbeitet, Dörfer und Städte werden gebaut, Stadtteile werden durch Erdbeben oder Vulkanausbrüche zerstört, fruchtbarer Boden wird vom Regenwasser mitgeschwemmt und bis in die Weltmeere gespült usw. Viele Veränderungen laufen so langsam ab oder sind so weit weg, dass wir sie mit bloßem Auge nicht bemerken können. Aber wir wissen heute, dass Erdkrustenteile sich um mehrere Zentimeter pro Jahr bewegen und so über Millionen von Jahren hinweg die Form der Kontinente und das Bild der Erdoberfläche verändern; wir wissen auch, dass die Zusammensetzung der Atmosphäre sich im Laufe der Erdgeschichte mehrere Male verändert hat oder dass aus den von den Flüssen ins Meer gespülten Sedimenten über Jahrmillionen hinweg neue Bodenschichten entstehen. Die Kosmologen haben herausgefunden, dass fortlaufend neue Sterne geboren werden und andere sterben und dass sich seit dem als Urknall bezeichneten Moment seiner Entstehung, das gesamte Universum ausdehnt usw. usw.

  Es kann also kein Zweifel mehr daran bestehen, dass nichts so bleibt, wie es ist.

  Und doch hat sich sehr lange Zeit die Überzeugung gehalten, dass die Tatsache, dass alles Existierende das Resultat einer vorherigen Entwicklung, also Evolution, ist, für lebende Organismen, insbesondere die Spezies Mensch, nicht zutrifft. Anhänger des Kreationismus vertreten bis heute die Auffassung, dass ein Schöpfergott vor rund 10 000 Jahren das Universum mit allem, was dazu gehört, innerhalb einer Woche erschaffen hat. Mit dieser Auffassung geht zumeist die Überzeugung einher, dass alle Geschöpfe unveränderlich und vollkommen sind.

  Ausschlaggebend dafür, dass wir heute als (wissenschaftlich) gesichert annehmen dürfen, dass auch der menschliche Organismus das Resultat einer Jahrmilliarden andauernden Entwicklung ist, war die Leistung eines britischen Naturforschers aus dem 19. Jahrhundert: Charles Darwin (1809-1882).

  Da die auf ihn zurückgehende, biologische Evolutionstheorie eine so große Bedeutung hat für unser heutiges Menschenverständnis, werden wir uns in der Folge etwas näher mit ihrem Inhalt beschäftigen.

  Worin besteht also die große Entdeckung Darwins und was bedeutet sie für unser heutiges Welt- und Menschenverständnis?

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