Bewusstseinsforschung: der große Irrtum

In der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Lausanne steht ein Supercomputer, der in der Lage ist, die Funktionsweise von bestimmten Hirnregionen zu simulieren. Im Rahmen des Blue Brain-Projektes konnte 2007 zum ersten Mal die Funktionsweise einer rattenähnlichen neokortikalen Säule simuliert werden. So ein Gehirnstück besteht aus rund 10 000 Nervenzellen und 100 Millionen Kontaktstellen (also Synapsen). Ziel ist es, einmal ein vollständiges Gehirn mithilfe von Computermodellen zu simulieren, um seine Funktionsweise besser zu verstehen. Solche Modelle sollen uns auch helfen herauszufinden, was im Gehirn passiert, wenn wir etwas bewusst erleben.

Bewusstsein. Was ist das?

Es ist bemerkenswert, dass es der Wissenschaft nach jahrzehntelangem Forschen und Experimentieren bisher nicht gelungen ist, zu erklären, was Bewusstsein ist. Auch von einer eindeutigen und von allen, die auf diesem Forschungsgebiet tätig sind, akzeptierten De-finition, kann bisher nicht die Rede sein. Hier sind ein paar Beispiele:

«Ein psychisches Phänomen ist bewusst, wenn es sich durch Sprache mitteilen lässt» (von Jean Delacour).

«Das Bewusstsein scheint nichts anderes als eine besondere Form der Gehirnaktivität zu sein» (von Bernard Mazoyer).

«Das Bewusstsein ist die Fähigkeit des Zentralnervensystems, sich permanent mit Realität auseinanderzusetzen» (von Jean-Pol Tassin).

«Generell versteht man unter Bewusstsein das Wissen um die Umwelt und um die eigene Person» (von Steven Laureys, Marie-Élisabeth Faymonville und Pierre Maquet).

«Bewusstsein ist eine besondere Art der Informationsverarbeitung» (Gerhard Roth).

Und Chefredakteur Reinhard Breuer weist in der Einleitung der Zeitschrift Spezial-Ausgabe «Spektrum der Wissenschaft» zum Thema Bewusstsein auf eine Brockhaus-Definition hin aus dem Jahr 1862: «Bewusstsein ist das Wissen oder deutliche Erkennen, dass Etwas sei».

Obschon es bei diesen Definitionen einige Übereinstimmungen gibt, scheint doch ziemlich klar zu sein, dass unter den fünf Experten niemand so richtig weiß, was Bewusstsein ist. Wenn Bewusstsein die Fähigkeit des Zentralnervensystems ist, sich permanent mit der Realität auseinanderzusetzen, ist dann die Frage, ob höher entwickelte Tiere über ein Bewusstsein verfügen, nicht trivial und alle Forschungen, die versuchen festzustellen, ob Tiere über ein Bewusstsein verfügen oder nicht, überflüssig? Denn ganz offensichtlich verfügen höher entwickelte Tiere über ein Zentralnervensystem, das es ihnen erlaubt, sich permanent mit der Realität auseinanderzusetzen. Dasselbe gilt für die Definition von Jean Delacour, nur umgedreht. Da Tiere nicht sprechen können, ist auch hier die Frage danach, ob sie über ein Bewusstsein verfügen, überflüssig. Auch ein von Geburt an taubstummer Mensch kann der Definition von Jean Delacour zufolge kein Bewusstsein haben.

Bewusstsein zu definieren als «das Wissen oder deutliche Erkennen, dass etwas sei», hilft auch nicht viel weiter. Worin soll denn der Unterschied bestehen zwischen «Ich bin mir bewusst, dass etwas ist» und «Ich weiß, dass etwas ist. Oder: «Ich bin mir bewusst, dass ich weiß» und «Ich weiß, dass ich mir bewusst bin». Und warum nicht: «Ich weiß, dass ich weiß» oder «Ich bin mir bewusst, dass ich mir bewusst bin».

Die Definition von Bernard Mazoyer ist eine bloße Vermutung und in der  Definition von Steven Laureys, Marie-Elisabeth Faymonville und Pierre Maquet kommt wieder die Verwechslung von Begriffen zum Ausdruck, die eine sehr unterschiedliche Bedeutung haben: Denken, Wissen, Bewusstsein.

Thomas Metzinger von der Universität Mainz soll sogar das Bewusstsein einmal mit einer Art virtuellem Organ des Körpers verglichen haben. «So wie das Herz für die Durchblutung zuständig sei und die Lunge für die Sauerstoffversorgung, erfülle auch das Bewusstsein einen konkreten Zweck: In ihm fügt unser Gehirn bestimmte Reize, die von den Sinnesorganen aufgenommen werden, zum Bild einer zusammenhängenden Welt zusammen – zu einem Hier und Jetzt.»

In der aktuellen Diskussion wird auch kaum noch vom Bewusstsein in der Einzahl gesprochen, sondern es werden unterschiedliche Arten und Formen von Bewusstsein unterschieden. Die zwei wichtigsten Arten sind das kognitive und das phänomenale Bewusstsein. Kognitives Bewusstsein bezieht sich auf einen bestimmten Inhalt. Dieser Inhalt kann in unserer Umgebung wirklich vorhanden sein oder nur gedanklich und dieser Inhalt kann sich auch auf meinen eigenen Körperzustand beziehen. Élisabeth Pacherie schreibt dazu (in «Spektrum der Wissenschaft Spezial – Bewusstsein», Erste Ausgabe 2004, Seite 6 – 11): «Ich bin mir der roten Krawatte meines Gegenübers «bewusst», ebenso, dass die Quadratwurzel aus neun drei ist oder dass ich gerade eine Dummheit begehe. Mein Bewusstsein ist kognitiv in dem Sinne, dass es ein Bewusstsein «von etwas» ist: von der Umgebung – in der es zum Beispiel regnet -, von meinen Körperzuständen – ich friere – oder von meiner mentalen Befindlichkeit: Ich wünsche mir, dass der Regen aufhört.» Pacherie weiter: «Das phänomenale Bewusstsein dagegen betrifft die subjektiven und qualitativen Aspekte der bewussten Erfahrung, «wie» es für mich ist, Schmerz zu spüren oder die Farbe Rot zu sehen. Diese subjektiven Eigenschaften der Erfahrung, die man als Qualia bezeichnet, sind allein dem Subjekt der Erfahrung zugänglich. Sie sind allein dem Individuum eigen und lassen sich sprachlich nicht ausdrücken oder überhaupt kommunizieren.»

Schon an dieser Stelle lassen sich zwei fundamentale Kritiken an dem Geschilderten anbringen. Erstens: in den von E. Pacherie zitierten Zeilen wird in keiner Weise deutlich, was Bewusstsein ist (oder sein soll). Zweitens: das Geschilderte läßt sich problemlos und unmissverständlich auch sprachlich oder schriftlich mitteilen, ohne den Begriff des Bewusstseins auch nur ein einziges Mal zu benutzen: Ich sehe die rote Krawatte meines Gegenübers, ich weiß, dass die Quadratwurzel aus neun drei ist und ich weiß, dass ich gerade eine Dummheit begehe. Im ersten Fall handelt es sich um eine Sinneswahrnehmung und in den beiden anderen Fällen um einen Gedankengang. Wenn es in meiner Umgebung regnet, höre ich den Regen, sehe die Regentropfen und spüre sie vielleicht auch noch auf meiner Haut. Um diese Erfahrung zu machen, reichen die drei Körpersinne Seh-, Hör- und Tastsinn völlig aus. Worin soll denn der Unterschied bestehen, solch eine Erfahrung bewusst zu machen oder sie einfach nur (dank unserer Körpersinne) zu machen. Ebenso: wenn ich mir wünsche, dass es aufhört zu regnen, dann ist das ein Gedankengang. Dass mit einem solchen Gedanken auch ein Gefühl einhergeht, versteht sich von selbst.

Auch der Begriff des phänomenalen Bewusstseins ist irreführend. Festzustellen, dass jedes Lebewesen die Welt anders erfährt (mit mehr oder weniger großen Unterschieden, je nach evolutionärem Entwicklungsgrad und je nach individueller «Beschaffenheit»), ist absolut trivial und braucht nicht noch einmal erläutert zu werden. Dass, andererseits, die subjektiven Eigenschaften der Erfahrung allein dem Subjekt der Erfahrung zugänglich sind, versteht sich von selbst und dass sie sich sprachlich nicht ausdrücken oder überhaupt kommunizieren lassen, ist mehr als fraglich. Warum soll ich denn nicht darüber reden können, wie der Apfel schmeckt, in den ich gerade gebissen habe oder wie sich meine Magenkrämpfe anfühlen? Klar ist, dass es sich nie objektiv beweisen lässt, dass zum Beispiel mein Gegenüber die Farbe Rot genau so sieht wie ich (es könnte ja sein, dass das, was mein Gegenüber als Rot bezeichnet, genau dasselbe ist, was ich selbst als Grün bezeichne). Diese subjektiven Erfahrungen mit dem Begriff «phänomenales Bewusstsein» zu belegen, trägt nichts dazu bei, zu verstehen, was Bewusstsein ist (!!!).

Besonders deutlich werden diese abstrusen Gedankengänge, wenn Philosophen und «Bewusstseinsforscher» das sogenannte introspektive oder reflexive Bewusstsein beschreiben. Noch einmal Élisabeth Pacherie: «Hierunter versteht man die Fähigkeit, im Geiste (es bleibt völlig offen, was man sich denn unter «Geist» vorzustellen hat – Anm. des Autors) den eigenen Gedankenstrom zu verfolgen und Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen mentalen Zustände zu fassen – anders gesagt, bewusste Repräsentationen dieser Repräsentationen zu bilden. So dringt nicht nur der Lärm der Bohrmaschine aus der Nachbarwohnung in mein Bewusstsein, sondern ich bin mir auch bewusst, des Geräuchs bewusst zu sein. Meine Katze hat den bohrenden Lärm sicher auch erfasst – aber verfügt sie über ein Bewusstseins dieses Bewusstseins?»

In Fachkreisen wird diese Fähigkeit, Gedanken zweiter Ordnung über die mentalen Zustände zu fassen, oftmals als Metakognition bezeichnet. Was aber soll denn Besonderes daran sein, in der Lage zu sein, sich Gedanken zu machen über das, was man eben gedacht hat? Und wenn ich denke, nehme ich meine Gedanken wahr. Es macht soweit also keinen Sinn, «Bewusstsein» mit ins Spiel zu bringen. So wie es Sinneswahrnehmungen gibt, gibt es auch eine Gedankenwahrnehmung. Wenn ich nicht in der Lage wäre, meine Gedanken wahrzunehmen, dann wären sie schlicht und einfach für mich inexistent. An der Fähigkeit, in der Lage zu sein, nachzudenken über das, was man gedacht hat, gibt es nichts Rätselhaftes. Erst wenn man behauptet, es ist das Bewusstsein, das in der Lage ist, Gedanken zweiter Ordnung über die eigenen mentalen Zustände zu machen (offen bleibt auch hier, was man denn unter mentalen Zuständen zu verstehen hat), wird die Sache rätselhaft, da niemand zu sagen weiß, was Bewusstsein ist.

Dann soll es noch eine dritte kognitive Form von Bewusstsein geben ……

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