Der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften

Die Entstehung eines neuen Weltbildes

In diesem Kapitel gehen wir der Frage nach, warum eigentlich heutzutage so viele Menschen (vor allem in westlichen Kulturkreisen) der Überzeugung sind, dass nur das existiert oder existieren kann, was sich auch wissenschaftlich erforschen lässt, also nur das, was eine räumlich-materielle Dimension besitzt und das man infolgedessen auch messen kann. Vieles spricht dafür, dass einer der Hauptgründe für solch eine Einstellung in der rezenten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungsgeschichte der Menschheit liegt.

  Die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik waren und sind so überwältigend, dass die Begeisterung und Bewunderung für alles, was mit angewandter Wissenschaft zu tun hat, bei der breiten Öffentlichkeit praktisch keine Grenzen kennt. Und in der Tat: ohne den wissenschaftlichen Fortschritt wäre die Welt, in der wir heute leben (und sie ist, wenn man sie mit der Welt vor ein paar hundert Jahren vergleicht, zweifellos eine viel bessere) nicht dieselbe. Die Herstellung von Autos, Flugzeugen, Schiffen, Satelliten, Computern, Mobil-Telefonen, Fernsehern, modernen Haushaltsgeräten und unzähligen weiteren Maschinen, die aus unserem modernen Alltagsleben nicht mehr wegzudenken sind; der Bau von Straßen, Tunnels, Brücken und Wolkenkratzern, von landwirtschaftlichen und industriellen Maschinen, aber auch die Herstellung von Strom oder die modernen Methoden und Geräte, die es ermöglichen, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen,  all dies wäre ohne den Fortschritt von Wissenschaft und den darauf basierenden Techniken nicht möglich gewesen. Sie haben es ermöglicht, einen globalen Wohlstand  zu schaffen, wie es ihn vorher noch nie gegeben hat.

  Der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften und die damit verbundenen Folgen waren dermaßen beeindruckend, dass Letztere das Bild, das die meisten Menschen sich von der Welt und sich selbst machen, bis heute entscheidend prägen. Die meisten Menschen in den modernen Industrieländern genießen einen hohen Lebensstandard, also ein gutes Leben, auch ohne an irgendetwas Immaterielles oder «Übernatürliches» zu glauben. Wissenschaft und materieller Reichtum sind zum Maß aller Dinge geworden.

  Wenn Menschen untereinander diskutieren und sich uneinig sind in Bezug auf ein bestimmtes Thema, kommt es immer wieder zu Aussagen wie: «Ich habe Recht, das ist so, denn es ist wissenschaftlich bewiesen» oder «Schließlich hat die Wissenschaft bewiesen, dass …» oder «darüber wurde eine wissenschaftliche Studie durchgeführt, die gezeigt hat, dass….».

  Mal ganz abgesehen davon, dass bei solchen Behauptungen die Meisten nicht mehr wissen, wo und von wem die erwähnte Studie ausgeführt wurde, sollen solche Aussagen in erster Linie dazu dienen, den Opponenten davon zu überzeugen, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt.

  Die Autorität, die die moderne Wissenschaft in der breiten Öffentlichkeit genießt, ist so groß, dass man von einem regelrechten Wissenschaftssyndrom reden kann. Für die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts existiert etwas, das man nicht wissenschaftlich erforschen, also messen kann, schlicht und einfach nicht. Und sollte es etwas geben, das die Wissenschaftler noch nicht gänzlich entschlüsselt haben, dann geht man wie selbstverständlich davon aus, dass das eben in einer (mehr oder weniger fernen) Zukunft geschehen wird. Schließlich wusste man vor 500 Jahren ja auch noch nicht, wie man Autos, Flug-zeuge und Computer baute, wie man an Bord einer Rakete Menschen bis zum Mond befördern kann, wie man ein Menschenherz transplantiert und vieles mehr. Der Glaube an den unaufhörlichen Fortschritt der Wissenschaften ist nach wie vor ungebrochen. Um zu verstehen, wie es geschehen konnte, dass der moderne Mensch die Realität von Allem leugnet, was sich nicht messen und wissenschaftlich untersuchen lässt, müssen wir ein paar Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit schauen.

  Die entscheidende Wende auf dem Weg in das neue Zeitalter (das wir aufgrund der vorherrschenden Weltanschauung als materialistisches Zeitalter bezeichnen) begann im Europa des 17. Jahrhunderts, eine Epoche, die später als das Zeitalter der Aufklärung bezeichnet werden sollte.

  In den Jahrhunderten davor waren die Lebensbedingungen für die meisten Menschen größtenteils so unerträglich, dass die Loslösung von diesem Leben (dank der Entwicklung moderner Naturwissenschaften und deren Folgen) eine echte Befreiung war. Im europäischen Mittelalter war es schier unvorstellbar, ein Leben zu führen, ohne an Gott zu glauben. Die Religion war allgegenwärtig, die Kirchenväter bestimmten, was richtig und falsch, was gut und schlecht war. Die Kirche predigte, dass das Heil dem Menschen nur zuteil werden konnte durch den Glauben und dass die, die nicht glauben wollten, unglaubliche Qualen in der Hölle erwarteten. Wie hätten die Menschen dieser Zeit sich eines Besseren belehren können? Die meisten (über 90%) lebten auf dem Land und konnten weder lesen noch schreiben. Sie waren arm, gottesfürchtig, verängstigt und hatten denen zu gehorchen, die im Besitz der Macht waren, und das waren die Aristokratie und die Kirche. Letztere lehrte, dass Gott die Welt erschaffen hat. Das zu bezweifeln, war Gotteslästerung. Die Kirche hatte das Sagen. Wer sich den Ideen der kirchlichen Autorität widersetzte, wurde bestraft. Vor der Einführung der Inquisition entschied das sogenannte Gottesurteil darüber, ob ein Angeklagter schuldig war oder nicht. Bei der Wasserprobe beispielsweise (vermutlich im 9. Jahrhundert von Papst Eugen II eingeführt) wurde der Angeklagte gefesselt und in ein Gewässer geworfen; wenn er oben schwamm, war er schuldig. Bei der Feuerprobe wurde beobachtet, welche Verletzungen der Angeklagte beim Anfassen eines glühenden Eisens davontrug und wie die Verletzungen heilten und bei der Bahrprobe wurde im Falle eines Mordes der Verdächtige zur Leiche geführt und musste dessen Wunden berühren; wenn diese dann wieder zu bluten begannen, war das ein göttliches Zeichen dafür, dass der Angeklagte schuldig war.

  Als die Kirche sich im 13. Jahrhundert von der zunehmenden Zahl an Ketzern bedroht fühlte, wurden vom Papst Gregor IX sogenannte Inquisitoren ernannt, die ermächtigt waren, gegen Verdächtige vorzugehen. So wurden im Auftrag der katholischen Kirche und auf Erlass des Papstes Foltermethoden entwickelt und offiziell zugelassen, um Andersdenkende zu läutern. Während der Inquisition wurden zigtausende Menschen brutal gefoltert und auf bestialische Art und Weise getötet. Die im Namen Gottes aufgerichtete Gewaltmaschine funktionierte fünf Jahrhunderte lang. Menschen wurden auf einer Streckbank oder Streckleiter (manchmal mehrere Tage lang) qualvoll die Gelenke gedehnt, Muskeln und Sehnen auseinandergerissen und die Knochen aus den Gelenken gezogen. Während der Folterung wurde das Opfer verhört. Lebenslange Behinderungen waren die Folge. Auch die in ganz Europa eingesetzte Daumenschraube, bei der Finger oder Daumen zwischen zwei Metallplatten progressiv immer fester zusammengepresst wurden, hinterließ meistens bleibende Schäden bei den Gepeinigten (verkrüppelte Hände z. Bsp.). Noch grausamer war die Kopfpresse, bei der der Kopf des Opfers unter einer Metallschale eingeklemmt und zusammengepresst wurde. Unvorstellbare Schmerzen, dauerhafte Schäden  und tödliche Verletzungen waren die Folge. Wie groß die Angst und der Schrecken bei den Menschen gewesen sein muss, die von solchen Foltern wussten, kann man nur erahnen.

  Zu den religiösen Zwängen und Einschränkungen kamen noch für die meisten Menschen aus dieser Zeit sehr schwer ertragbare, alltägliche Lebensbedingungen in Bezug auf Arbeit, Gesundheit und Ernährung. Mehr als 90% der damaligen Bevölkerungen lebten auf dem Land. Die landwirtschaftliche Arbeit war hart und die durchschnittliche Lebenserwartung gering (meistens unter 40 Jahren). Krankheiten (Pocken, Beulenpest, Schwarzer Tod) und Hungersnöte rafften Millionen Menschen dahin. Der Großteil der Bevölkerung lebte in extremer Armut und war einer kleinen Oberschicht unterworfen (Klerus, Adelige, Grundherren). In seinem Buch «The rational optimist» schildert Matt Ridley eine fiktive Familie aus dieser Zeit. Ich zitiere: «……… werden die Bibel-worte des Vaters von seinem rachitischen Husten unterbrochen, ein Vorzeichen der Lungenentzündung, die ihn im Alter von 53 Jahren dahinraffen wird – und der durch den Holzrauch des Feuers sicherlich nicht besser wurde …… Das Baby stirbt an den Pocken, die es jetzt schon greinen lassen. Die Schwester wird bald schon unter der Knute eines versoffenen Mannes stehen. Das Wasser, das der Junge in die Becher gießt, schmeckt nach den Kühen, die im Bach getränkt werden, die Mutter quälen Zahnschmerzen. Gerade in diesem Augenblick wird die Tochter im Stall vom Burschen des Nachbarn im Heu geschwängert und ihr Sohn landet im Waisenhaus. Der Eintopf ist grau und voller Knorpel, dennoch ist Fleisch eine seltene Abwechslung vom ewigen Hafer-schleim. Zu dieser Jahreszeit gibt es noch kein Obst und keinen Salat. Sie essen mit einem Holzlöffel aus einer Holzschale. Da Kerzen zu teuer sind, müssen sie sich mit dem Licht begnügen, das das Herdfeuer spendet. Keiner aus der Familie hat je ein Theaterstück gesehen, ein Bild gemalt oder den Klang eines Klaviers gehört. Die Schulbildung besteht aus ein paar Jahren langweiliger Lateinstunden, unterrichtet vom bigotten Drillmeister im Pfarrhaus. Der Vater hat einmal die Stadt besucht, obwohl ihn die Fahrt einen Wochenlohn kostete, die anderen jedoch sind nie weiter als etwa 20 Kilometer von zu Hause fort gewesen. Die Töchter besitzen jeweils zwei Wollkleider, zwei Leinenhemden und ein Paar Schuhe. Dem Vater hat sein Jackett ein Monatseinkommen ge-kostet, allerdings ist es mittlerweile voller Läuse. Die Kinder teilen sich jeweils zu zweit ein Bett, das aus einer Strohmatratze auf dem Boden besteht ………»

  Auch Insa Holst und Hendrik Fischer unterstreichen in ihrem Einleitungsartikel der 30. Ausgabe von «Geo-Epoche» die ärmlichen Lebensbedingungen im mittelalterlichen Europa: «Seit Jahrhunderten haben sich die Verhältnisse auf dem Land kaum verändert. Reichtum und Macht eines Adeligen bemaßen sich stets daran, über wieviel Land und Leute er gebot. Viele Menschen waren Leibeigene. Sie hausten in denselben elenden Dörfern wie ihre Eltern und Großeltern, durften das Land ihrer Herren nicht verlassen. Es war ein karges Leben, von der Hand in den Mund, eingezwängt in ein System der klaren Hierarchien, gegründet auf Befehl und Gehorsam, aber auch auf Schutz und Treue».

  In den darauffolgenden Jahrhunderten ereigneten sich dann aber tiefgreifende Veränderungen und Verbesserungen im Alltagsleben unzähliger Menschen. Wenn auch nicht von Anfang an, so profitierten doch nach und nach alle Gesellschaftsschichten von diesen Veränderungen, die überdies weit über die Grenzen Europas hinausreichten.

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