Der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften

Die Entstehung eines neuen Weltbildes

Die Entstehung eines neuen Weltbildes

In diesem Kapitel gehen wir der Frage nach, warum eigentlich heutzutage so viele Menschen (vor allem in westlichen Kulturkreisen) der Überzeugung sind, dass nur das existiert oder existieren kann, was sich auch wissenschaftlich erforschen lässt, also nur das, was eine räumlich-materielle Dimension besitzt und das man infolgedessen auch messen kann. Vieles spricht dafür, dass einer der Hauptgründe für solch eine Einstellung in der rezenten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungsgeschichte der Menschheit liegt.

  Die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik waren und sind so überwältigend, dass die Begeisterung und Bewunderung für alles, was mit angewandter Wissenschaft zu tun hat, bei der breiten Öffentlichkeit praktisch keine Grenzen kennt. Und in der Tat: ohne den wissenschaftlichen Fortschritt wäre die Welt, in der wir heute leben (und sie ist, wenn man sie mit der Welt vor ein paar hundert Jahren vergleicht, zweifellos eine viel bessere) nicht dieselbe. Die Herstellung von Autos, Flugzeugen, Schiffen, Satelliten, Computern, Mobil-Telefonen, Fernsehern, modernen Haushaltsgeräten und unzähligen weiteren Maschinen, die aus unserem modernen Alltagsleben nicht mehr wegzudenken sind; der Bau von Straßen, Tunnels, Brücken und Wolkenkratzern, von landwirtschaftlichen und industriellen Maschinen, aber auch die Herstellung von Strom oder die modernen Methoden und Geräte, die es ermöglichen, Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen,  all dies wäre ohne den Fortschritt von Wissenschaft und den darauf basierenden Techniken nicht möglich gewesen. Sie haben es ermöglicht, einen globalen Wohlstand  zu schaffen, wie es ihn vorher noch nie gegeben hat.

  Der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften und die damit verbundenen Folgen waren dermaßen beeindruckend, dass Letztere das Bild, das die meisten Menschen sich von der Welt und sich selbst machen, bis heute entscheidend prägen. Die meisten Menschen in den modernen Industrieländern genießen einen hohen Lebensstandard, also ein gutes Leben, auch ohne an irgendetwas Immaterielles oder «Übernatürliches» zu glauben. Wissenschaft und materieller Reichtum sind zum Maß aller Dinge geworden.

  Wenn Menschen untereinander diskutieren und sich uneinig sind in Bezug auf ein bestimmtes Thema, kommt es immer wieder zu Aussagen wie: «Ich habe Recht, das ist so, denn es ist wissenschaftlich bewiesen» oder «Schließlich hat die Wissenschaft bewiesen, dass …» oder «darüber wurde eine wissenschaftliche Studie durchgeführt, die gezeigt hat, dass….».

  Mal ganz abgesehen davon, dass bei solchen Behauptungen die Meisten nicht mehr wissen, wo und von wem die erwähnte Studie ausgeführt wurde, sollen solche Aussagen in erster Linie dazu dienen, den Opponenten davon zu überzeugen, dass sich jede weitere Diskussion erübrigt.

  Die Autorität, die die moderne Wissenschaft in der breiten Öffentlichkeit genießt, ist so groß, dass man von einem regelrechten Wissenschaftssyndrom reden kann. Für die meisten Menschen des 21. Jahrhunderts existiert etwas, das man nicht wissenschaftlich erforschen, also messen kann, schlicht und einfach nicht. Und sollte es etwas geben, das die Wissenschaftler noch nicht gänzlich entschlüsselt haben, dann geht man wie selbstverständlich davon aus, dass das eben in einer (mehr oder weniger fernen) Zukunft geschehen wird. Schließlich wusste man vor 500 Jahren ja auch noch nicht, wie man Autos, Flugzeuge und Computer baute, wie man an Bord einer Rakete Menschen bis zum Mond befördern kann, wie man ein Menschenherz transplantiert und vieles mehr. Der Glaube an den unaufhörlichen Fortschritt der Wissenschaften ist nach wie vor ungebrochen. Um zu verstehen, wie es geschehen konnte, dass der moderne Mensch die Realität von Allem leugnet, was sich nicht messen und wissenschaftlich untersuchen lässt, müssen wir ein paar Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit schauen.

  Die entscheidende Wende auf dem Weg in das neue Zeitalter (das wir aufgrund der vorherrschenden Weltanschauung als materialistisches Zeitalter bezeichnen) begann im Europa des 17. Jahrhunderts, eine Epoche, die später als das Zeitalter der Aufklärung bezeichnet werden sollte.

  In den Jahrhunderten davor waren die Lebensbedingungen für die meisten Menschen größtenteils so unerträglich, dass die Loslösung von diesem Leben (dank der Entwicklung moderner Naturwissenschaften und deren Folgen) eine echte Befreiung war. Im europäischen Mittelalter war es schier unvorstellbar, ein Leben zu führen, ohne an Gott zu glauben. Die Religion war allgegenwärtig, die Kirchenväter bestimmten, was richtig und falsch, was gut und schlecht war. Die Kirche predigte, dass das Heil dem Menschen nur zuteil werden konnte durch den Glauben und dass die, die nicht glauben wollten, unglaubliche Qualen in der Hölle erwarteten. Wie hätten die Menschen dieser Zeit sich eines Besseren belehren können? Die meisten (über 90%) lebten auf dem Land und konnten weder lesen noch schreiben. Sie waren arm, gottesfürchtig, verängstigt und hatten denen zu gehorchen, die im Besitz der Macht waren, und das waren die Aristokratie und die Kirche. Letztere lehrte, dass Gott die Welt erschaffen hat. Das zu bezweifeln, war Gotteslästerung. Die Kirche hatte das Sagen. Wer sich den Ideen der kirchlichen Autorität widersetzte, wurde bestraft. Vor der Einführung der Inquisition entschied das sogenannte Gottesurteil darüber, ob ein Angeklagter schuldig war oder nicht. Bei der Wasserprobe beispielsweise (vermutlich im 9. Jahrhundert von Papst Eugen II eingeführt) wurde der Angeklagte gefesselt und in ein Gewässer geworfen; wenn er oben schwamm, war er schuldig. Bei der Feuerprobe wurde beobachtet, welche Verletzungen der Angeklagte beim Anfassen eines glühenden Eisens davontrug und wie die Verletzungen heilten und bei der Bahrprobe wurde im Falle eines Mordes der Verdächtige zur Leiche geführt und musste dessen Wunden berühren; wenn diese dann wieder zu bluten begannen, war das ein göttliches Zeichen dafür, dass der Angeklagte schuldig war.

  Als die Kirche sich im 13. Jahrhundert von der zunehmenden Zahl an Ketzern bedroht fühlte, wurden vom Papst Gregor IX sogenannte Inquisitoren ernannt, die ermächtigt waren, gegen Verdächtige vorzugehen. So wurden im Auftrag der katholischen Kirche und auf Erlass des Papstes Foltermethoden entwickelt und offiziell zugelassen, um Andersdenkende zu läutern. Während der Inquisition wurden zigtausende Menschen brutal gefoltert und auf bestialische Art und Weise getötet. Die im Namen Gottes aufgerichtete Gewaltmaschine funktionierte fünf Jahrhunderte lang. Menschen wurden auf einer Streckbank oder Streckleiter (manchmal mehrere Tage lang) qualvoll die Gelenke gedehnt, Muskeln und Sehnen auseinandergerissen und die Knochen aus den Gelenken gezogen. Während der Folterung wurde das Opfer verhört. Lebenslange Behinderungen waren die Folge. Auch die in ganz Europa eingesetzte Daumenschraube, bei der Finger oder Daumen zwischen zwei Metallplatten progressiv immer fester zusammengepresst wurden, hinterließ meistens bleibende Schäden bei den Gepeinigten (verkrüppelte Hände z. Bsp.). Noch grausamer war die Kopfpresse, bei der der Kopf des Opfers unter einer Metallschale eingeklemmt und zusammengepresst wurde. Unvorstellbare Schmerzen, dauerhafte Schäden  und tödliche Verletzungen waren die Folge. Wie groß die Angst und der Schrecken bei den Menschen gewesen sein muss, die von solchen Foltern wussten, kann man nur erahnen.

  Zu den religiösen Zwängen und Einschränkungen kamen noch für die meisten Menschen aus dieser Zeit sehr schwer ertragbare, alltägliche Lebensbedingungen in Bezug auf Arbeit, Gesundheit und Ernährung. Mehr als 90% der damaligen Bevölkerungen lebten auf dem Land. Die landwirtschaftliche Arbeit war hart und die durchschnittliche Lebenserwartung gering (meistens unter 40 Jahren). Krankheiten (Pocken, Beulenpest, Schwarzer Tod) und Hungersnöte rafften Millionen Menschen dahin. Der Großteil der Bevölkerung lebte in extremer Armut und war einer kleinen Oberschicht unterworfen (Klerus, Adelige, Grundherren). In seinem Buch «The rational optimist» schildert Matt Ridley eine fiktive Familie aus dieser Zeit. Ich zitiere: «……… werden die Bibel-worte des Vaters von seinem rachitischen Husten unterbrochen, ein Vorzeichen der Lungenentzündung, die ihn im Alter von 53 Jahren dahinraffen wird – und der durch den Holzrauch des Feuers sicherlich nicht besser wurde …… Das Baby stirbt an den Pocken, die es jetzt schon greinen lassen. Die Schwester wird bald schon unter der Knute eines versoffenen Mannes stehen. Das Wasser, das der Junge in die Becher gießt, schmeckt nach den Kühen, die im Bach getränkt werden, die Mutter quälen Zahnschmerzen. Gerade in diesem Augenblick wird die Tochter im Stall vom Burschen des Nachbarn im Heu geschwängert und ihr Sohn landet im Waisenhaus. Der Eintopf ist grau und voller Knorpel, dennoch ist Fleisch eine seltene Abwechslung vom ewigen Haferschleim. Zu dieser Jahreszeit gibt es noch kein Obst und keinen Salat. Sie essen mit einem Holzlöffel aus einer Holzschale. Da Kerzen zu teuer sind, müssen sie sich mit dem Licht begnügen, das das Herdfeuer spendet. Keiner aus der Familie hat je ein Theaterstück gesehen, ein Bild gemalt oder den Klang eines Klaviers gehört. Die Schulbildung besteht aus ein paar Jahren langweiliger Lateinstunden, unterrichtet vom bigotten Drillmeister im Pfarrhaus. Der Vater hat einmal die Stadt besucht, obwohl ihn die Fahrt einen Wochenlohn kostete, die anderen jedoch sind nie weiter als etwa 20 Kilometer von zu Hause fort gewesen. Die Töchter besitzen jeweils zwei Wollkleider, zwei Leinenhemden und ein Paar Schuhe. Dem Vater hat sein Jackett ein Monatseinkommen ge-kostet, allerdings ist es mittlerweile voller Läuse. Die Kinder teilen sich jeweils zu zweit ein Bett, das aus einer Strohmatratze auf dem Boden besteht ………»

  Auch Insa Holst und Hendrik Fischer unterstreichen in ihrem Einleitungsartikel der 30. Ausgabe von «Geo-Epoche» die ärmlichen Lebensbedingungen im mittelalterlichen Europa: «Seit Jahrhunderten haben sich die Verhältnisse auf dem Land kaum verändert. Reichtum und Macht eines Adeligen bemaßen sich stets daran, über wieviel Land und Leute er gebot. Viele Menschen waren Leibeigene. Sie hausten in denselben elenden Dörfern wie ihre Eltern und Großeltern, durften das Land ihrer Herren nicht verlassen. Es war ein karges Leben, von der Hand in den Mund, eingezwängt in ein System der klaren Hierarchien, gegründet auf Befehl und Gehorsam, aber auch auf Schutz und Treue».

  In den darauffolgenden Jahrhunderten ereigneten sich dann aber tiefgreifende Veränderungen und Verbesserungen im Alltagsleben unzähliger Menschen. Wenn auch nicht von Anfang an, so profitierten doch nach und nach alle Gesellschaftsschichten von diesen Veränderungen, die überdies weit über die Grenzen Europas hinausreichten.

  Geschichtsprofessorin Dorinda Outram fasst die wesentlichen, geistigen Merkmale dieses neuen Zeitalters in ihrem 1995 publizierten Werk «The Enlightenment» wie folgt zusammen: «Aufklärung war der Wunsch danach, dass menschliche Angelegenheiten von der Vernunft geleitet werden, anstatt durch Religion, Aberglauben oder Offenbarung; und der Glaube an die Kraft der menschlichen Vernunft, die Gesellschaft zu verändern und das Individuum von den Fesseln der Tradition oder der willkürlichen Autorität zu befreien. All dies gestützt durch eine Weltanschauung, die zunehmend durch die Wissenschaft anstatt durch Religion oder Tradition validiert wird»

  Im 17. und 18. Jahrhundert  mussten der religiöse Glaube und die herrschenden Klassen nach und nach der Vernunft und dem Bestreben des Einzelnen nach Freiheit und Unabhängigkeit weichen. Einige der herausragenden Persönlichkeiten in diesem Prozess, die alle mit ihren Leistungen dazu beitrugen, dass Vernunft, Freiheit und Fortschritt immer mehr zum beherrschenden Maßstab von menschlichen Handlungen und Entscheidungen wurden, waren der englische Naturforscher Isaac Newton (1642-1726/7), der mit seinen beiden Hauptwerken «Mathematische Prinzipien der Naturlehre» und «Opticks» den Grundstein für die modernen naturwissenschaftlichen Forschungsprinzipien legte, der deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724-1804), der sich mit Fragen der Ethik («Kritik der praktischen Vernunft»), der Ästhetik («Kritik der Urteilskraft») und der Erkenntnistheorie («Kritik der reinen Vernunft») auseinandersetzte oder der britische Naturforscher Charles Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie eine naturwissenschaftliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des menschlichen Organismus liefer-te. Auch dessen Großvater, Erasmus Darwin, der Arzt, Botaniker, Dichter und Erfinder war, war fasziniert von den aufklärerischen Ideen und wollte, wie viele seiner Zeitgenossen und Freunde, die Welt verstehen. Er war überzeugt von der Veränderlichkeit alles Seienden und wollte wissen, wie die Erde und alles, was zu ihr gehört, entstanden sind. In seinen Veröffentlichungen finden sich schon viele der Ideen, die sein Enkel später aufgreifen sollte (siehe nächstes Kapitel).

  Wissenschaft sollte fortan jedem zugänglich sein, neue Erkenntnisse sich ausschließlich auf Beobachtung und systematisch durchgeführte Experimente stützen, die veröffentlicht wurden und überall auf der Welt wiederholbar sein sollten (also reproduzierbar). Die erste wissenschaftliche Vereinigung der Welt, die britische «Royal Society», sorgte unter anderem dafür, dass sich die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in der Öffentlichkeit verbreiteten. Neue und stärkere Mikroskope und Teleskope erschlossen dem Menschen Welten, von denen er bis dahin nichts wusste. Newton war der Überzeugung, dass die Natur unsichtbaren Gesetzen folgte, die es zu entdecken galt und so war er es auch, der die Schwerkraft (auch noch Gravitation genannt) «entdeckte» und die Gesetzte der Mechanik formulierte. Nach und nach spielten in der Gesellschaft jene Menschen eine immer wichtigere Rolle, die im Besitz von naturwissenschaftlichem Wissen waren, also Forscher und Techniker. Ihre Kenntnisse und Erfindungen veränderten die Gesellschaft. Immer mehr bestimmten diejenigen, die das Wissen kontrollierten, den Fortgang der Dinge und die Zukunft der Welt. Die Autorität der Kirche und der Aristokratie wurden immer mehr in Frage gestellt. Der französische Autor Voltaire (1694-1778), der als wichtiger (intellektueller) Wegbereiter der Französischen Revolution gilt, trug mit seinen Werken Wesentliches zur Kritik der Missstände von Absolutismus und kirchlichem Autoritätsmonopol und der damit verbundenen Intoleranz bei (was ihn unter anderem dazu zwang, einen großen Teil seines Lebens im Ausland zu verbringen). Für Voltaire war klar, dass eine der wichtigsten Freiheiten für den Menschen darin bestand, durch das Schreiben seine Meinung zu «sagen» und sich (durch das Lesen) weiterzubilden.

  Es ließen sich noch viele weitere Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen nennen, zum Beispiel die Franzosen René Descartes (1596-1650), Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und Denis Diderot (1713-1784). Letzterer musste wegen seiner Veröffentlichungen drei Monate ins Gefängnis, schaffte es aber trotzdem, zusammen mit seinen Mitarbeitern die erste Enzyklopädie zu veröffentlichen. In England sorgte unter anderem der «Vater des Liberalismus» John Locke (1632-1704) mit seinen freiheitlichen Ideen dafür, dass der Mensch (und nicht mehr Gott) immer mehr in den Mittelpunkt des Geschehens rückte. Seine politische Philosophie hatte einen maßgeblichen Einfluss auf den Inhalt der Verfassungen der Vereinigten Staaten von Amerika und des revolutionären Frankreichs.

  Obschon die Kirche (vor allem in Ländern wie Frankreich und Portugal) mit allen Mitteln versuchte, die Verbreitung der neuen Ideen zu unterbinden, war der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften und des neuen Welt- und Menschenverständnisses nicht mehr aufzuhalten. Ein zerstörerisches Erdbeben in Lissabon, das sich ausgerechnet am 1. November 1755 (also an Allerheiligen) ereignete und dem zehntausende Gläubige zum Opfer fielen, wohingegen das Rotlichtviertel verschont blieb, trug dazu bei, dass die Menschen die Autorität der Kirche in Frage stellten und sich die aufklärerischen Ideen auch in dem sehr konservativen und von der Religion geprägten Portugal verbreiten konnten, unter anderem dadurch, da es der Kirche nicht gelang zu erklären, wie Gott solch eine Katastrophe zulassen konnte. Auch im Ausland wurde durch dieses Ereignis der Glauben der Menschen erschüttert.

  Auf dem Weg in die Moderne spielten aber auch einige herausragende Politiker eine entscheidende Rolle zur Umsetzung der neuen Ideen in die Praxis. So zum Beispiel der damalige portugiesische Erste Minister, der Marquis von Pombal (1699-1782), der den Wiederaufbau von Lissabon organisierte und mit seinen Reformen die Grundlagen für einen modernen Staat legte, oder der preußische König Friedrich der Große (1712-1786), der sich schon sehr früh für die aufklärerischen Ideen interessierte und die besten Wissenschaftler und Philosophen seiner Zeit auf «sein» Schloss «Sans Souci» in Berlin einlud. Darunter befand sich auch Voltaire, der zusammen mit Friedrich das staatsphilosophische Werk «Antimachiavel» verfasste. In diesem Buch steht geschrieben, dass es «das Ziel eines echten Monarchen der Aufklärung ist, seinem Volk unendlich Gutes zu tun». Mal abgesehen von der Tatsache, dass Friedrich der Große ein ebenso skrupelloser wie umstrittener König war (zigtausende Soldaten wurden geopfert in den Schlachten, die der König führen ließ, um sein Reich zu vergrößern), steht doch außer Frage, dass der preu-ßische König einen großen Beitrag dazu leistete, dass sich der neue Fortschrittsglaube und das Vertrauen in die Wissenschaft in seinem Land und in Europa verbreiten konnten (unter seiner Herrschaft wurden viele neue Straßen, Städte und Flusskanäle gebaut und so wurde gezeigt, dass die Natur, dank Wissenschaft und Technik, vom Menschen beherrscht und erobert werden konnte). Außerdem zeichnete er sich aus durch religiöse Toleranz.

  In den Vereinigten Staaten von Amerika war es der in Virginia geborene Thomas Jefferson (1743-1826), der sich für die Freiheit und die Aufgeklärtheit der Menschen einsetzte. Der junge, selbstbewusste Anwalt (und spätere, dritte Präsident der Vereinigten Staaten) war fasziniert von den neu erforschten Naturgesetzen und den Geräten, die man mithilfe der wissenschaftlichen Erkenntnisse herzustellen in der Lage war. Für ihn stand fest, dass ein tiefes Verständnis der Welt eine der wichtigsten Vorbedingungen für seine Verbesserung darstellte. John Locke, Isaac Newton und der englische Philosoph, Staatsmann und Wissenschaftler Francis Bacon (1561-1626) waren seine großen Vorbilder. Jefferson war davon überzeugt, dass jeder Mensch bestimmte Grundrechte hat, wie zum Beispiel der Erwerb von Eigentum, das Recht auf Leben oder Freiheit und hielt diese Prinzipien 1776 in der von ihm geschriebenen amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fest. Einer der wichtigsten Gedanken in dieser Erklärung war, dass alle Menschen gleich sind und das Recht besitzen, nach Glück zu streben (was Jefferson allerdings nicht daran hinderte, hunderte von Sklaven auf seiner Plantage «Monticello» zu halten). Ein entscheidendes Mittel zur Erreichung des Glücks sollte der Besitz von privatem Eigentum sein. Nachdem die Amerikaner (mit der Unterstützung der Franzosen) die Kolonialmacht Großbritannien besiegen konnten, wurden die neuen Prinzipien ebenfalls in der 1783 aufgestellten amerikanischen Verfassung verankert und bildeten die rechtliche Grundlage für die erste moderne Republik, in der die drei Gewalten – die Gesetzgebung (Legislative), die Vollziehung (Exekutive) und die Rechtsprechung (Judikative) – voneinander getrennt existierten, zum Zwecke der Machtbegrenzung des Staates gegenüber den Bürgern. Es sollte nicht allzu lange dauern, bis die freiheitlichen Ideen aus Amerika auch auf das immer noch (unter Louis XVI) absolutistisch regierte Frankreich übergriffen, um schließlich in der Französischen Revolution (1789-1799) und der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen) zu gipfeln.

  Freiheit, Gleichheit, Toleranz, Vernunft, Fortschritt, Wissenschaft, das waren in der Tat sehr kraftvolle und vielversprechende Prinzipien.

 Schließlich spielten die wirtschaftlichen Veränderungen seit dem 18. Jahrhundert eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Entstehung des neuen Weltbildes. Hier noch einmal eine Passage aus dem schon weiter oben erwähnten Artikel von Insa Holst und Hendrick Fischer (Geo-Epoche Nummer 30): «In Europa bahnt sich ein gewaltiger Umwälzungsprozess an; es beginnt ein Zeitalter atemraubender technischer Innovation wie sozialer Veränderung, in dem Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzen, aus Bauern Fabrikarbeiter werden und Erfindergeist und Unternehmertum schon bald wertvoller sind als überkommene Privilegien. Es beginnt die industrielle Revolution».

  Und in der Tat. Durch den Fortschritt der Wissenschaft gelang es neue Maschinen zu entwickeln (Dampfmaschine und mechanischer Webstuhl zum Beispiel, aber auch neue landwirtschaftliche Maschinen zum Pflügen, Mähen und Dreschen), die es ermöglichten, die Produktivität in den Betrieben zu steigern. Die Erfindung des Kunstdüngers und von Pflanzenschutzmitteln führte zu einer erheblichen Steigerung der Erträge auf den Feldern. Engpässe in der landwirtschaftlichen Produktion und damit verbundene Hungersnöte wurden seltener. Der Ausbau des Verkehrsnetzes (neue Straßen und Eisenbahnlinien) machte es leichter, Nahrungsmittel zu den Regionen zu bringen, in denen Mangel herrschte. In den städtischen Fabriken wurden die Arbeitsprozesse durch die Einführung der Fließbandarbeit enorm beschleunigt. Durch die verbesserten hygienischen Verhältnisse in den Haushalten (fließendes Wasser zum Beispiel) und die Fortschritte im medizinischen Bereich sank die Kindersterblichkeit und gleichzeitig stieg die durchschnittliche Lebenserwartung. Die Folge war eine rasche Bevölkerungszunahme, was andererseits wiederum die Nachfrage nach Industriegütern (Textilien zum Beispiel) erhöhte und der Industrie zu einem zusätzlichen Aufschwung verhalf. Die durch die fortschreitende Mechanisierung der Landwirtschaft überflüssig gewordenen Landarbeiter suchten Arbeit in den Städten und so kam es zu umfangreichen Binnenwanderungen. Durch die Landflucht wuchsen die Städte auf einmal explosionsartig und so verwandelten sich und verschwanden nach und nach die ehemaligen Agrargesellschaften. Gleichzeitig nahm die Bedeutung des Welthandels rasch zu. Insbesondere die europäischen Kolonialmächte profitierten von günstigen Handelsbedingungen, indem sie billige Rohstoffe aus den Kolonien importierten, um sie in den heimischen Industriebetrieben weiterzuverarbeiten und mit beträchtlichem Profit abzusetzen. Das wiederum ermöglichte eine rasche Kapitalanhäufung bei den Firmenbesitzern, was den Industrialisierungsprozess zusätzlich beschleunigte und die Entwicklung des Bankenwesens vorantrieb. Insbesondere in Großbritannien waren alle diese günstigen Bedingungen schon sehr früh erfüllt und so nahm die moderne industrielle Revolution dort ihren Anfang (Städte wie Birmingham, Manchester und Liverpool gehören zu den ältesten Industriestädten, die es gibt). Die meisten Erfindungen, die später eine große Bedeutung hatten für den Industrialisierungsprozess, waren englische Erfindungen (auch die erste Eisenbahn wurde in England gebaut).

  Und obschon die industrielle Revolution auch viele Kehrseiten hatte, wie beispielsweise die Spaltung der Gesellschaft in den überfüllten Städten in wohlhabende Unternehmer einerseits und lohnabhängige Proletarier andererseits, so besteht doch kein Zweifel an der Tatsache, dass diese Entwicklung nach und nach immer mehr Menschen weltweit zu mehr Wohlstand verhalf. Eine Statistik aus der Studie, die Angus Maddison im Auftrag der OECD durchgeführt hat («Die Weltwirtschaft: eine Milleniumsperspektive») fasst das wesentliche, globale Merkmal dieser sich über mehrere Jahrhunderte erstreckenden Entwicklung zusammen: zwischen 1820 und 1998 ist das weltweite Prokopf-Einkommen um mehr als das Achtfache (!!) gestiegen. Und in «Die zweite Erschaffung der Welt – wie die moderne Naturwissenschaft entstand» schreibt Floris Cohen, Professor für vergleichende Wissenschaftsgeschichte an der Universität Utrecht (Seite 135): «Die moderne Naturwissenschaft, die im 17. Jahrhundert entstand und die durch sie möglich gewordene moderne Technik, die sich im frühen 19. Jahrhundert entwickelte, haben Europa etwas welthistorisch völlig Neues beschert: Wohlstand und Luxus für mehr als eine kleine Elite …..». Im Schlussteil auf der Seite 247 heißt es weiter: «Wenn es in der Geschichte «Revolutionen» gab, muss man die Umwälzungen in der Naturerkenntnis, die sich im 17. Jahrhundert vollzogen haben, ganz bestimmt zu ihnen zählen».

  Das alles waren in der Tat Veränderungen und Umwälzungen von ungeheurer Bedeutung für das Alltagsleben der Menschen und deren vorherrschende Welt- und Lebenseinstellung.

  Erinnern wir an dieser Stelle daran, warum wir den Ablauf dieser Geschichte (wenn auch in stark vereinfachter Form) überhaupt erzählt haben. Es ging in erster Linie darum, zu zeigen, warum der moderne Mensch so überzeugt davon ist, dass die Wissenschaft und all das, was sie zu leisten vermag, das Maß aller Dinge sind. Rückblickend auf die letzten paar Jahrhunderte und in Anbetracht der technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (ich denke da insbesondere an die moderne Telekommunikations-Revolution) ist das mehr als verständlich. Wissenschaft und Technik haben das Leben der breiten Massen verändert und verbessert in einem Maße wie nie zuvor.

  Darüber hinaus war es den Naturwissenschaftlern gelungen, dank der kontrollierten, experimentellen Methode, sich einen immer tieferen Einblick in die Geheimnisse der Natur, also auch des Menschen, zu verschaffen und damit sind wir wieder beim zentralen Thema dieses Buches: was haben die Naturwissenschaftler bisher über den Menschen herausgefunden und inwiefern sind diese Erkenntnisse vereinbar mit der Annahme, dass es in der Welt und im Menschen etwas gibt, das mit keiner wissenschaftlichen Methode zu erfassen ist?

  Schauen wir uns also im nächsten Kapitel etwas genauer an, wie die wissenschaftliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung des Menschen lautet.

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