Glück kann man lernen

So gut wie alles, was Menschen tun, dient letztendlich dazu, mehr Glück und Zufriedenheit zu erreichen.

Dieses Kapitel handelt darüber, inwiefern uns die in den vorherigen Kapiteln gewonnenen Erkenntnisse dazu verhelfen können, diesem Ziel näher zu kommen.

  Den Gesetzen der Biologie können wir nicht entrinnen. Unser biologischer Organismus funktioniert nach bestimmten Prinzipien, die schon vor sehr langer Zeit durch die Evolutionsgesetze festgelegt wurden. Zum Erreichen von mehr Glück und Zufriedenheit gilt es, besser zu verstehen, inwiefern unser Glücksempfinden von diesen Naturgesetzen bestimmt wird.

  Unsere Gedanken üben einen sehr starken Einfluss auf die Funktionsweise unseres Körpers aus. Es geht also auch darum, zu verstehen, wie unser Denken funktioniert und welches die Zusammenhänge sind zwischen Denken und Wohlbefinden, also Glück und Zufriedenheit.

  Es gilt, im Einklang mit den Naturgesetzen zu leben. Dafür aber ist es notwendig, genau zu verstehen, wie sie funktionieren und unser Leben bestimmen, damit wir, zu unserem Besten, die Kontrolle über sie behalten. Wir sollen selbst das Steuer in die Hand nehmen und über unser Glück bestimmen können und nicht wie ein kleines, auf dem Meer herumtreibendes Boot, dem Wind und den Wellen hilflos ausgeliefert sein. Wie man ein Boot sicher übers Meer führt, das will gelernt sein. Genauso ist es mit dem Glück.

  Wir werden uns im Folgenden auf die Aspekte beschränken, auf die es wirklich ankommt. Bücher über Glücksstrategien gibt es in Hülle und Fülle. «Die Glücksformel» von Stefan Klein (in seiner verkürzten und vereinfachten Form «Einfach glücklich»), mit dem der Autor einen großen Verkaufserfolg verzeichnen konnte, ist eines davon. Obschon die Ratschläge in diesem Buch sehr wertvoll sind, wage ich es zu bezweifeln, dass sie vielen Lesern auch tatsächlich dauerhaft zu mehr Glücksgefühlen zu verhelfen in der Lage sind. Der Grund besteht darin, dass die Ratschläge zu zahlreich sind. Am Ende weiß der Leser nicht so richtig, wo er denn nun anfangen soll, um mehr Glück und Zufriedenheit zu erfahren. Mal ganz abgesehen davon, dass es ohnehin keine Glücks-formel geben kann, da die Menschen und deren Bedürfnisse zu vielseitig und unterschiedlich sind, kann eine sogenannte Glücksstrategie nur zum Erfolg führen, wenn man sie auch konsequent und über einen längeren Zeitraum anwendet. Das gelingt einem aber meistens nicht, wenn zu viele solcher Strategien empfohlen werden. Man probiert dann mal für eine Zeit das eine, dann mal wieder für ein paar Tage oder Wochen das andere aus und am Ende ist man wieder da, wo man angefangen hat.

  Die Aspekte, die auf den folgenden Seiten beschrieben und erklärt werden, stützen sich auf die Erkenntnisse über den Menschen aus den ersten Teilen dieses Buches. Über allem steht die Erkenntnis, dass man sich Glück und Zufriedenheit selbst erschaffen muss. Einen anderen Weg gibt es nicht. Sobald man einmal erkannt hat, dass der Mensch die Macht besitzt, das auch zu tun, ist man auf dem richtigen Weg. Was also ist zu tun?

 Es wird sich wohl kaum einer finden, der nicht davon überzeugt ist, dass unser Wohlbefinden sehr eng mit unseren Körperfunktionen zusammenhängt. Dass man sich unwohl fühlt, wenn man hungrig ist und nichts zum Essen hat oder wenn man friert und nichts Warmes zum Anziehen dabei hat oder irgendein Körperteil schmerzt, das weiß jeder. Beim Verzehr einer saftigen Frucht, beim Anhören schöner Musik oder wenn wir den oder die Geliebte in die Arme schließen, fühlen wir uns gut. Und dass dieses, durch die entsprechenden Umstände herbeigeführtes Unwohl- oder Wohlsein physisch-körperliche Ursachen hat, das braucht wohl nicht weiter erläutert zu werden. Desgleichen wissen wir, dass unsere Gedanken einen großen Einfluss haben auf unser Wohlbefinden. Ein, zwei Beispiele reichen aus, um das noch einmal klarzustellen. Wenn Sie sich (gedanklich) Sorgen machen über das, was in (näherer oder ferner) Zukunft geschehen mag, fühlen Sie sich unwohl. Vielleicht haben Sie Angst, einmal an Krebs zu erkranken. Oder schlechte Nachrichten über die aktuelle Wirtschaftslage in der Welt oder in Ihrem Land lösen bei Ihnen ein Gefühl der Unsicherheit aus («Wie soll das denn alles noch enden»?). Sie haben Angst um Ihren Arbeitsplatz und machen sich Sorgen über die Zukunft Ihrer Kinder. Und dass es unzählige Menschen gibt, deren Hauptbeschäftigung es zu sein scheint, an Allem und an Jedem Kritik zu verüben, das haben Sie sicher auch schon selber festgestellt. Es scheint so, als seien diese Menschen von einem regelrechten Kritiktrieb befallen. Dass solche Menschen alles andere als zufrieden sind mit sich und der Welt, versteht sich von selbst. Diese Unzufriedenheit hat ihre Wurzeln im Denken. Es sind die Gedanken, die für viele Menschen zu einer unerträglichen Last werden. Unzufriedenheit, Nervosität, Frustration und Depressionen sind die Folge.

  Sie haben sicherlich schon des öfteren in Ihrem Leben feststellen können, dass Sie an einem wunderschönen Ort waren und sich trotzdem nicht wohl gefühlt haben. Versuchen Sie einmal, sich an die genaue Ursache für diese unangenehmen Gefühle zu erinnern. Sehr wahrscheinlich waren Sie entweder mit Gedanken beschäftigt, die nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun hatten oder Sie verspürten ein unangenehmes Gefühl in Ihrem Körper (vielleicht leichte Magenschmerzen, da Sie Ihre letzte Mahlzeit nicht gut verdaut hatten oder Rückenschmerzen oder was auch immer). Sie können sich (den äußeren Umständen entsprechend) im «Paradies» befinden; wenn Sie (zum Beispiel) starke Magenschmerzen haben, dann haben die paradiesischen äußerlichen Umstände auf einmal nicht mehr viel Bedeutung in Bezug auf Ihr Wohlergehen. Nichts ist in dem Moment wichtiger als ein Mittel zu haben, das die Schmerzen beseitigt. Umgedreht gilt das auch: Sie können sich an einem ganz «banalen» Ort befinden; wenn Ihr Körper und Ihr «Geist» (Geist im Sinne von Gedanken) in Hochform sind (alle Organe funktionieren einwandfrei, Ihr Geist ist gelassen und entspannt und Sie strotzen nur so von Energie; vielleicht kommen Sie gerade aus dem Fitness-Studio), dann ist die Welt für Sie in Ordnung.

  In neuerer Zeit ist es der Wissenschaft gelungen (der modernen Hirnforschung fällt dabei eine besondere Bedeutung zu), genauere Kenntnisse darüber zu erlangen, wie die Zusammenhänge zwischen Körper (insbesondere dem Gehirn) und Wohlbefinden (also Glück) funktionieren. Aus diesen Erkenntnissen lassen sich eine Reihe ganz konkreter Ratschläge ableiten, die dazu dienen, unser Glücksempfinden zu steigern.

  Dabei sollten Sie wissen, dass, auch wenn Sie diese Ratschläge befolgen, das dennoch keine Garantie dafür ist, dass Sie dauerhaftes Glück erfahren. Da Glück etwas ist, das gelernt werden muss, gibt es auch in dieser Hinsicht Menschen, die die betreffenden Ratschläge besser umzusetzen wissen als andere. Eines ist sicher: jeder, der die in den folgenden Kapiteln angeführten Ratschläge (wenn auch nur teilweise) befolgt, wird zumindest eine Steigerung seiner Glücksgefühle feststellen können. Wie stark diese Steigerung und ob sie von Dauer sein wird, wird von Mensch zu Mensch verschieden sein. Vergessen Sie nicht: eine für jedermann gültige Glücksformel gibt es nicht und wird es nie geben. Aber des öfteren glücklich sein und intensiver Glück empfinden, das sollte jedem gelingen. Sie werden auch feststellen, dass die Empfindung von Glück nicht immer dasselbe bedeutet. Vielmehr gibt es viele unterschiedliche Art und Weisen, Glück zu empfinden.

  Als erstes möchte ich Ihnen zeigen, welche rein körperlich-physischen Reaktionen mit dem Gefühl von Glück einhergehen und was man tun kann, damit sich solche Gefühle öfters einstellen (das soll nicht bedeuten, dass das Gefühl von Glück rein körperlich-physischer Natur ist).

  Welche physischen Reaktionen laufen in unserem Körper (insbesondere im Gehirn) ab, wenn wir uns glücklich fühlen?

  In unserem Gehirn gibt es ein sogenanntes Belohnungs- oder Lustzentrum, das dafür verantwortlich ist, dass wir motiviert sind, überhaupt etwas zu machen. Andernfalls würden wir wahrscheinlich den ganzen Tag faul herum liegen oder sitzen und irgendwann aus Faulheit sterben. Dieses Lust- oder Belohnungssystem ist, von der biologisch-evolutionären Ebene aus betrachtet, besonders sinnvoll. Es ist sozusagen der Taktgeber für unser Handeln und trägt schließlich dazu bei, unser Überleben zu sichern. Die Entdeckung des als Belohnungssystem bezeichneten Hirnareals geht zurück auf das Jahr 1954, als die beiden US-Forscher James Olds und Peter Milner vom «California Institute of Technology» Experimente mit Ratten durchführten. Wurde das Hirn einer Ratte (durch eine ins Gehirn eingepflanzte Elektrode) in einem bestimmten Bereich gereizt (durch die Betätigung eines Hebels konnte die Ratte diesen Reiz selbst auslösen), so betätigte die Ratte den Hebel immer und immer wieder, da sie die elektrische Selbststimulation offenbar als angenehm empfand. Einige Ratten taten das sogar bis zur völligen Erschöpfung und vergassen sogar zu essen und zu trinken.

  Genauere Forschungsergebnisse zeigten, dass das Belohnungssystem wie ein Schaltkreis funktioniert. Wenn wir etwas tun, das für unser körperliches Wohlergehen fördernd ist (eine saftige Erdbeere verzehren, in der frischen Luft spazieren gehen oder zärtliche Momente mit einem anderen Menschen verbringen), schüttet das Gehirn bestimmte Botenstoffe aus (manchmal als Glückshormone bezeichnet), die bewirken, dass wir uns wohl fühlen. Der wichtigste Botenstoff in diesem System, aber nicht der einzige, ist der Glücksbotenstoff Dopamin. Durch die Erfahrung des Wohlgefühls entsteht das Verlangen zur Wiederholung der entsprechenden Tat.

  Diese Erkenntnis läßt nun zwei sehr bedeutungsvolle Schlussfolgerungen zu. Erstens: da «sich wohl fühlen», also «glücklich zu sein», aus biologisch-evolutionärer Sicht besonders sinnvoll und lebensfördernd ist, ist «Glück» etwas ganz Natürliches, das jeder Mensch jeden Tag erfahren sollte. Über Jahrmillionen haben die Naturgesetze und die Evolution dafür gesorgt, dass das so sein soll und muss. Wenn dem nicht so wäre, hätte unsere Spezies nicht bis zum heutigen Tag überlebt. Je mehr wir im Einklang mit den Naturgesetzen leben, umso glücklicher sind wir und umso besser sind unsere Überlebenschancen. Das gilt für den einzelnen Menschen wie auch für die Menschheit insgesamt. Es lohnt sich also auf jeden Fall, von der naturgesetzlichen Seite an das Glücksproblem heranzugehen.

  Zweitens: Glück ist nicht etwas, das man sucht und wenn man es einmal gefunden hat, es dauerhaft in Besitz nehmen kann. Vielmehr besteht Glück aus unzähligen kleinen (und manchmal größeren) Glückserfahrungen. Dauerhaft glücklich zu sein ist aus naturgesetzlichen Gründen nicht einmal wünschenswert, denn wollten wir das erreichen, dann würde es uns ergehen wie der Ratte, die den Glückshebel immer und immer wieder betätigt bis zur totalen Erschöpfung und dabei vergisst zu essen und zu trinken.

  Es gibt Menschen, deren rechtes Vorderhirn verletzt wurde (durch ein Blutgerinsel z. Bsp.) und die infolgedessen in einen Zustand von ununterbrochener Fröhlichkeit verfallen. Der Nachteil solch eines Zustandes besteht darin, dass der Betroffene jeglichen Bezug zur Wirklichkeit verliert, mit all den unangenehmen Folgen, die das im Gesellschafts- und Berufsleben mit sich bringt. Die Erklärung hierfür liefert wieder die moderne Gehirnforschung, die herausgefunden hat, dass das rechte Stirnhirn eher für die negativen Emotionen verantwortlich ist (bei Angstgefühlen vor einem Examen zum Beispiel ist die rechte Seite besonders aktiv), das linke Stirnhirn eher für die angenehmen Gefühle. Ist die rechte Seite verletzt, überwiegt das Frohsein, aber eben in einem Maße, das in zahlreichen Lebenslagen negative Folgen haben und manchmal sogar unser Leben bedrohen kann. Wenn Sie z. Bsp. einem wilden Tier gegenüber stehen, ist Angst und sich in Sicherheit bringen bestimmt angebrachter als fröhlich zu bleiben und die Gefahr falsch einzuschätzen. Dauerhaft froh und glücklich zu sein ist ein Zustand, der, wieder einmal von der biologisch-evolutionären Ebene aus betrachtet, nicht wünscheswert ist. Akzeptieren Sie also auch die negativen Emotionen (zum Beispiel Angst oder Schmerz) in Ihrem Leben; es sind wichtige Wegweiser, um das Richtige zu tun und um sich weiter entwickeln zu können.

  Wie schon in einem vorhergehenden Kapitel klargestellt wurde, ist das menschliche Gehirn (und auch alle anderen Gehirne auf diesem Planeten) in aller erster Linie ein Überlebensorgan. Es sortiert unsere Wahrnehmungen nach ihrem Nutzen für den Organismus und gibt uns überdies die Möglichkeit zum Lernen. Was gut für uns ist, empfinden wir als angenehm, was nicht so gut ist, empfinden wir als unangenehm und bekommen dadurch den Hinweis, dass möglicherweise etwas nicht in Ordnung ist und es vielleicht an der Zeit wäre, etwas zu ändern, damit wir uns wieder besser fühlen.

  Nun ist es auch von entscheidender Bedeutung zu wissen, dass wir den Aktivitäten unseres Gehirns nicht hilflos ausgeliefert sind (obschon die schon  geschilderten Beispiele über angeborene Verhaltensprogramme und weitere beschriebene alltägliche Verhaltensautomatismen das auf den ersten Blick vermuten lassen). Menschen sind in der Lage, auf das, was im Gehirn abläuft, einzuwirken, da Letzteres plastisch und anpassungsfähig ist (zum Beispiel, indem wir unsere Angst oder Wut unter Kontrolle halten) und da Menschen über Willenskraft verfügen. Mehr dazu gleich.

  Also noch einmal: Glück und Unglück (oder anders ausgedrückt: sich wohl fühlen und sich unwohl fühlen) sind beides Emotionen, die nicht nur zum Leben gehören, sondern sogar überlebenswichtig sind. Eine Erkenntnis von großer Bedeutung.

  Hier noch eine Bemerkung zum Thema «Glück und Gene». Es stimmt, dass sich die angenehmen Gefühle zum Teil von den Eltern auf die Kinder vererben, aber eben nur zum Teil. Zahlreiche Studien belegen, dass in etwa 50% unseres Glückes von der Genetik bestimmt werden. Ob wir zum Beispiel eher eine aufgeschlossene und optimistische Lebenseinstellung haben oder eher zu den Menschen gehören, die zu Niedergeschlagenheit, Pessimismus und im Extremfall zu Depressionen neigen, das ist uns zum Teil angeboren. Es ist festgeschrieben in unserem genetischen Code und wir haben zunächst einmal darauf keinen Einfluss. 10% werden bestimmt von den äußeren Umständen, unter denen man aufwächst und lebt, und von den Lebensereignissen allgemein (Aussehen, Alter, Wohnort, Familienverhältnisse usw.), also Umstände, die man in den meisten Fällen nur geringfügig ändern kann. Das ist übrigens für viele Menschen eine überraschende Tatsache, da die Meisten der Überzeugung sind, dass gerade eben diese äußeren Umstände eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, sein Glück zu finden. In Wirklichkeit ist es aber so, dass bestimmte Lebensereignisse (zum Beispiel eine lang ersehnte Heirat mit dem oder der Auserwählten, eine Einkommenssteigerung oder eine schöne Reise) es praktisch immer nur vermögen unser Glück kurzzeitig zu vergrößern. Nach einiger Zeit kehren wir dann aber meistens wieder zurück in unseren gewohnten Glückszustand.

  40% schließlich werden direkt bestimmt durch die Art und Weise, was wir tun und vor allem, wie wir etwas tun. Die Aussage «Jeder ist seines Glückes Schmied» behält zu mindestens 40% seine Gültigkeit.

  Damit sind wir wieder beim Thema «Glück kann man lernen». Und auf diese Lernfähigkeit kommt es letztendlich an. Schauen wir uns also jetzt genauer an, wie das geht.

Lesen Sie weiter in: “Also bin ich Mensch” (Paperback; 288 Seiten)

Auch hier zu bestellen über Amazon.de

Tagged , , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.

  • Follow me on Facebook