Mensch und Willensfreiheit

Das Gespenst der Willensfreiheit.

In den 1980er Jahren führte der US-amerikanische Physiologe Benjamin Libet von der «University of San Francisco» eine Reihe von Experimenten durch, die später in Fachkreisen und zum Teil auch in der breiten Öffentlichkeit für heftige Diskussionen sorgten, da sie den wissenschaftlichen Beweis dafür liefern sollten, dass der Mensch nicht über die Fähigkeit verfügt, frei zu entscheiden, was er tut, obschon unser Gefühl uns den Eindruck vermittelt, dass wir in der Lage sind, das zu tun. In zusammenfassender Form lautet die Schlussfolgerung der Libet-Experimente: Bevor wir entscheiden, was wir tun, hat das Gehirn die entsprechende Handlung schon eingeleitet.

Um zu diesem Schluss zu kommen, haben Libet und seine Mitarbeiter die Hirnströme von Versuchspersonen gemessen und festgestellt, dass schon mehrere hundertstel Sekunden, bevor die Versuchsperson sich entscheidet zu handeln (also der genaue Moment, in dem sie den Drang dazu verspürt) im Gehirn schon ein so genanntes Bereitschaftspotenzial (ein Aktivitätsmuster über dem supplementär-motorischen Kortex) existiert, das genau diese Handlung vorbereitet. Von dieser Gehirnaktivität merkt die Versuchsperson nicht das Geringste. Ohne auf die Details des Experiments einzugehen (eingesetzte Geräte und Auswertungsmethoden zum Beispiel) und vorausgesetzt, dass die Messung der unterschiedlichen Zeitpunkte absolut exakt durchgeführt wurde, nämlich der genaue Zeitpunkt, an dem bestimmte Nervenzellen im Gehirn feuern (also aktiv werden), sowie der genaue Zeitpunkt, an dem die Versuchsperson handelt  (der genaue Zeitpunkt, an dem eine innere Stimme sagt: Jetzt) besteht die entscheidende Schlussfolgerung des Experiments darin, dass der menschliche Wille (oder die Absicht) zu handeln, nicht die Ursache für die Handlung sein kann, da der Zeitpunkt, an dem die Versuchsperson sich entscheidet, deutlich nach dem Zeitpunkt liegt (auch wenn es sich nur um ein paar hundertstel Sekunden handelt), an dem die Nervenzellen im Gehirn die Handlung vorbereiten. Oder auf die kürzest mögliche Form gebracht: Eine halbe Sekunde, bevor ich mich «bewusst» dazu entscheide, meine Hand zu bewegen, ist die Entscheidung dafür im Gehirn schon gefallen.

  Da solche Vorstellungen unter Umständen auch strafrechtliche Konsequenzen mit sich bringen können (wie ist die Verurteilung von Kriminellen noch zu rechtfertigen, wenn Letztere nicht in der Lage sind, frei darüber zu entscheiden, was sie tun oder nicht tun?) ist es wichtig zu wissen, dass die Schlussfolgerungen, die man aus den Libet-Experimenten gezogen hat, sehr umstritten sind und sogar von mehreren Nachfolge-Experimenten widerlegt werden konnten.

Ein häufig vorgebrachter Einwand weist darauf hin, dass der gemessene Zeitpunkt, an dem eine Versuchsperson sich entscheidet zu handeln, nicht immer nach dem Zeitpunkt liegt, an dem die Nervenzellen feuern, sondern auch manchmal davor (Nachfolge-Versuche von Patrick Haggard und Martin Eimer aus dem Jahr 1999).

Überdies ist es nicht möglich, anhand der gemessenen Hirnaktivitäten die Handlung einer Person mit Sicherheit vorherzusagen. Der Kognitionswissenschaftler Amadeus Magrabi schreibt dazu in einem Artikel: «Die spezifischen Muster erhöhen nur die Wahrscheinlichkeit für die eine oder andere Entscheidung, determinieren sie aber nicht. So könnte die Hirnaktivität in Libets Experimenten und den Folgestudien einen Einflussfaktor widerspiegeln, ohne dass die Entscheidungen dadurch festgelegt wären und die Betreffenden gar nicht anders handeln können.»

Darüber hinaus sind die Gründe, warum wir uns im (richtigen) Leben für bestimmte Handlungen entscheiden, um ein vielfaches komplexer als im Laborexperiment, wo es nur darum geht, zu einem bestimmten Zeitpunkt den rechten oder linken Finger zu bewegen. Um beispielsweise die Entscheidung zu fällen, ob ich den nächsten Urlaub in den Bergen oder am Meer verbringen soll, werden zahlreiche Fakten in Erwägung gezogen und Vergleiche werden angestellt. Erinnerungen an den letzen Urlaub in den Bergen und am Meer werden mit einbezogen und vieles mehr. Das neuronale Korrelat für solche Entscheidungsprozesse feststellen zu wollen, ist nicht möglich. Die Faktoren, die bei Entscheidungsprozessen eine Rolle spielen, sind zu zahlreich, was unter ande-rem auch psychologische Verhaltensstudien bestätigen. Magrabi zitiert in seinem Artikel ein Beispiel, das ich hier in zusammenfassender Form wiedergeben möchte. Es ging darum festzustellen, inwiefern eine Erfahrung unsere Entscheidungen beeinflusst, obschon wir nichts davon wissen (im allgemeinen Sprachgebrauch würden wir sagen: obschon wir uns dessen nicht bewusst sind). Zwei Gruppen von Versuchspersonen wurden aufgefordert, Sätze zu bilden aus Wörtern, die auf einem Zettel standen. Die Reihenfolge der Wörter war willkürlich; sie bildeten also keinen sinnvollen Satz. Auf den Zetteln der ersten Gruppe standen Wörter, die mit Höflichkeit zusammenhingen und auf den Zetteln der zweiten Gruppe waren es Wörter, die mit Unhöflichkeit zusammenhingen. Nachdem die Versuchspersonen grammatikalisch korrekte Sätze gebildet hatten, wurden sie aufgefordert, in einen Nachbarraum zu gehen, um mit dem Versuchsleiter über einen weiteren Test zu sprechen. Dieser war aber in dem Moment mit etwas anderem beschäftigt und hörte damit auch nicht auf, obschon er ganz offensichtlich bemerkt hatte, dass jemand im Raum darauf wartete, um mit ihm zu reden. Zwei Drittel der Versuchspersonen, die Sätze mit unhöflichen Wörtern gebildet hatten, unterbrachen den Versuchsleiter nach relativ kurzer Zeit; bei den Versuchspersonen, die höfliche Wörter gelesen hatten, dauerte das im Schnitt deutlich länger. Dieser Test zeigt, dass die Faktoren, die einen Einfluss haben auf unsere Entscheidungen, manchmal sehr subtil sind und wir oft nichts davon wissen.

Saskia K. Nagel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück, stellt in einem Online-Artikel (Springer Verlag 2017, «Hirnforschung und der freie Wille») die Frage, ob es bei so einer künstlich erzeugten Situation wie in den Libet-Experimenten (und auch den anderen Entscheidungen unter Laborbedingungen) überhaupt um eine Willensentscheidung geht und die Prozesse zur Enstcheidung nicht schon durch die Erklärung der Aufgabe vorbereitet werden? «Die Vorbereitung läuft durch Aufmerksamkeits- und Konzentrationsprozesse, die durch die Aufgabenstellung angestoßen werden. Zudem ist das Potenzial schwach, sodass es nur durch Mittelung vieler Versuchsdurchgänge (ca 40) festgestellt werden kann». Nagel weiter:« Ist es plausibel, Willen und Entscheidungen so zu verstehen, dass sie durch eine Momentaufnahme im Millisekundenbereich erfasst und wahrgenommen werden können?»

Libet selbst hat übrigens darauf hingewiesen, dass es bei dem gehirnlichen Aktivitätsmuster nur um die Initiierung (also die Vorbereitung) einer Handlung geht, die Handlung selbst aber als frei und freiwillig bezeichnet werden kann.

So oder so: die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfügt oder nicht, vermögen die Libet-Experimente jedenfalls nicht zu beantworten. Und das vor allem nicht, da auch hier wieder einmal nicht klar ist, was denn letztendlich unter dem Begriff «freier Wille» zu verstehen ist. Letzteres wird auch nicht beantwortet durch die Feststellung, dass unsere Entscheidungen von zahlreichen Faktoren bestimmt werden (von denen viele unserem Wissen verborgen bleiben).

Es gibt aber noch einen anderen Weg, an dieses Problem heranzugehen: Erkenntnisgewinnung durch Selbstbeobachtung.

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