Über die vielschichtige Realität unserer Existenz

Seit vielen tausend Jahren macht sich der Mensch Gedanken über die Welt und ist sich selbst immer noch das größte Rätsel.

Immer wieder im Laufe der Menschheitsgeschichte stellten Menschen dieselben Fragen: Woher kommen wir? Was ist der Sinn unseres Daseins? Existiert Gott? Gibt es ein Weiterleben nach dem Tod?

Auf keine dieser Fragen konnte bis heute eine eindeutige und vollständige Antwort gegeben werden. Aber es sind dies existenzielle Fragen, deren Beantwortung die wenigsten von uns gleichgültig läßt.

Letzteres verhindert nicht, dass es unzählige Menschen gibt, die die meiste Zeit ihres Lebens sehr gut mit der Überzeugung zurecht kommen, dass unser Unvermögen, eindeutige Antworten auf diese Fragen zu finden, nicht wirklich ein Problem darstellt. Solange die wichtigsten Grundbedürfnisse zufriedengestellt sind, lässt es sich ja auch ganz gut (oder vielleicht sogar besser) leben, ohne sich Gedanken über solch schwierige Fragen zu machen. «Was soll ich mir den Kopf zerbrechen darüber, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gibt; wenn der Moment gekommen ist, werde ich die Antwort ja ohnehin erfahren», äußerte sich einmal ein alter Bekannter mir gegenüber.

Die meisten derer, die es als müßig empfinden, sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen, bezeichnen sich als Realisten. Für sie sind Menschen, die an Gott oder das Jenseits glauben, naive Träumer, wie es sie eigentlich im 21. Jahrhundert nicht mehr geben dürfte. Schließlich habe die Wissenschaft gezeigt, dass sich die Entstehung der Welt und des Lebens auch sehr gut ohne Gott erklären läßt. Berühmt wurde in diesem Zusammenhang schon vor einigen hundert Jahren die Antwort des französischen Mathematikers, Physikers und Astronoms Pierre-Simon Laplace (1749 – 1827), als er Napoleon sein Buch «Traité de Mécanique Céleste» (Abhandlung über die Himmelsmechanik) vorstellte und Letzterer ihn fragte: «Warum haben Sie dieses Buch über das Weltall ge-schrieben, aber nicht einmal seinen Schöpfer erwähnt»? Die Antwort von Laplace war schlicht und einfach: «Sir, diese Hypothese habe ich nicht benötigt».

Die Einstellung von Laplace ist kennzeichnend für unzählige Menschen unserer Zeit und mag für die Meisten im Alltagsleben auch recht gut funktionieren. Ab und zu ereignet sich dann aber das gänzlich Unerwartete: der Arzt teilt einem mit, dass man eine unheilbare Krankheit und im günstigsten Fall noch 6 Monate zu leben hat; oder ein guter Freund, ein naher Verwandter, der geliebte Lebenspartner oder gar das eigene Kind sterben viel zu früh. Solche Ereignisse lassen dann auch die abgeklärtesten Realisten fassungslos da stehen. Ereignen sich solche Schicksalsschläge im Leben von Menschen, die sich als religiös und gottesgläubig bezeichnen, reagieren nicht wenige von ihnen empört: «Warum tut Gott mir so etwas an, was habe ich denn verbrochen?» Und nicht selten ziehen sie aus solch einer Erfahrung den Schluss, dass es keinen Gott geben kann («Da oben ist niemand!»). Aber auch diejenigen, denen solch unangenehme Erfahrungen erspart bleiben, werden spätestens im hohen Alter, wenn Sie wissen, dass der Tod in nicht allzu großer (zeitlicher) Ferne lauert, daran erinnert, dass das Leben und der Tod letztendlich rätselhaft sind und die Vernunft nicht alle Fragen zu beantworten in der Lage ist.

Die meisten (vor allem in westlichen Kulturkreisen) haben sich festgelegt auf ein Weltbild, das sich im Laufe der letzten Jahrhunderte langsam herausgeschält hat und das im allgemeinen Sprachgebrauch als modernes, naturwissenschaftliches Weltbild bezeichnet wird. Also ein Weltbild, das von der Vernunft bestimmt wird und nicht von irgendwelchen überalterten Vorstellungen.

Dass die Wissenschaft selber inzwischen den Weg freigemacht hat und in der Lage ist, auf eine transzendente (also jenseitige) Realität hinzuweisen, das haben die Meisten noch gar nicht mitbekommen.

Ich möchte an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang an eine Aussage eines der bedeutendsten Physiker (!!) des 20. Jahrhunderts hinweisen. Der deutsche Nobelpreisträger Werner Karl Heisenberg (1901-1976) prägte den Satz: «Der erste Trunk aus dem Becher der Wissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott».

Viele Naturwissenschaftler, die sich eingehender mit den Grundprinzipien wissenschaftlicher Forschung auseinandersetzen (also auch mit erkenntnistheoretischen Aspekten), erkennen zumeist irgendwann einmal im Laufe ihrer Karriere, dass naturwissenschaftliche Forschung, egal um welches Gebiet es sich handelt, irgendwann einmal an seine Grenzen stößt und stoßen muss. Ist man aber an dieser Grenze angelangt, dann wird auf einmal der «Blick» frei für jene transzendentale (also jenseitige) Realität, von der in diesem Buch die Rede sein wird. Der geniale und berühmte Albert Einstein war einer dieser Wissenschaftler, wie eine seiner Aussagen bestätigt: «Das tiefste und erhabenste Gefühl, dessen wir fähig sind, ist das Erlebnis des Mystischen. Aus ihm keimt alle wahre Wissenschaft. Wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, der ist bereits tot. Das Wissen darum, dass das Unerforschliche wirklich existiert und dass es sich als höchste Wahrheit und strahlendste Schönheit offenbart, wovon wir nur eine dumpfe Ahnung haben können – dieses Wissen und diese Ahnung sind der Kern aller wahren Religiosität. In diesem Sinne, und in diesem allein, zähle ich mich zu den echt religiösen Menschen».

Einstein hat es also gewusst, nicht im Sinne von vernunftbestimmtem Wissen, sondern mehr im Sinne von intuitivem Wissen («Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt»), dass der wahre Wissenschaftler früher oder später nicht daran vorbeikommt, die Existenz einer transzendenten Wirklichkeit anzuerkennen.

Warum haben denn trotzdem in der heutigen Zeit so viele Menschen Schwierigkeiten damit, das Gleiche zu tun. Die Antwort ist naheliegend. Nicht jeder hat die Zeit und nicht jeder ist ausreichend motiviert, sich so eingehend mit Wissenschaft auseinanderzusetzen, wie das seinerzeit Einstein getan hat. Die meisten von uns wissen nicht, dass die modernen Naturwissenschaften das moderne Weltbild, für dessen Entstehung sie selbst verantwortlich sind, inzwischen schon wieder überwunden haben.

Die Naturwissenschaft (also unsere Vernunft) wird es sein, die dem in seiner materialistischen Weltsicht Gefangenen die Tür öffnet zu einem neuen Verständnis der Welt und seiner selbst.

Ein Exkurs in die Geschichte der modernen Naturwissenschaften ist notwendig, um zu verstehen, wie diese Geschichte das Weltbild des Durchschnittsmenschen (dieser Ausdruck ist nicht abwertend gemeint !) geprägt hat. Anschließend werden wir dieses Weltbild kritisch hinterfragen und zeigen, wie solide die Fundamente sind, auf denen es aufbaut. Mehrere Jahrhunderte lang sah es so aus, als schienen die modernen Naturwissenschaften mehr und mehr die These zu bestätigen, dass die Welt und der Mensch nicht mehr sind als eine Zusammensetzung von Materie-Bausteinen und auch heute noch ist die Mehrheit der Menschen davon überzeugt, dass es zutreffend ist, den Menschen in der Hauptsache als einen physiko-chemischen Organismus zu bezeichnen, ausgestattet mit Sinnesorganen, die dazu dienen, Umweltreize aufzunehmen und zu verarbeiten und der überdies noch die Fähigkeit besitzt, über sich selbst und die Welt nachzudenken. Die Erfolge in der Erforschung der biochemischen Prozesse, die unseren Körper und unser Denken steuern, geben ihnen Recht.

Umstritten und rätselhaft bleibt die Frage nach dem Ursprung und der Natur einer weiteren, außergewöhnlichen «Fähigkeit» des Menschen: die Fähigkeit, sich seiner selbst bewusst zu sein. Wie selbstverständlich wird davon ausgegangen, dass es nur der Körper, insbesondere das Gehirn sein kann, das gewissermaßen das Bewusstsein «produziert» (Wo sollte es denn sonst herkommen?). In der Gehirnforschung wird mithilfe moderner Messmethoden (sogenannte bildgebende Verfahren, die es erlauben, dem Gehirn bei seiner Aktivität zuzuschauen) alles daran gesetzt, diese These zu bestätigen und zu beweisen. Die Existenz von etwas Immateriellem oder rein Geistigem anzunehmen, das widerstrebt einfach zu sehr der modernen naturwissenschaftlichen Grundeinstellung. Die Ursache dafür leuchtet auch unmittelbar ein: akzeptiert man das Immaterielle, dann muss man auch eingestehen, dass es keinerlei Möglichkeiten gibt, Letzteres naturwissenschaftlich zu erforschen.

Um zu verstehen, welchen Beitrag die Wissenschaften dennoch leisten können, wenn es darum geht, Antworten zu finden auf Jahrtausende alte philosophische Fragen, werden wir zunächst einmal ein paar hundert Jahre zurück in die Vergangenheit «reisen», um zu zeigen, wie es überhaupt dazu gekommen ist, dass sich auf einmal immer mehr Menschen für Wissenschaft interessiert haben und welches die Folgen davon waren für die Gesellschaft und die allgemeine Lebenseinstellung der Menschen.

Ausschnitt aus: “Also bin ich Mensch” (288 Seiten; Paperback)

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