Wirklichkeitsebenen

Von Albert Einstein stammt der Satz: «Es ist absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind».

Wir wissen, dass unsere Sinnesorgane uns dazu dienen, die Umwelt wahrzunehmen. Es ist aber ein Irrtum, daraus schließen zu wollen, dass das, was wir solcherart wahrnehmen, die Welt schlechthin ist.

Das Meiste aus unserer unmittelbaren Umgebung bleibt uns nämlich verborgen. Technische Hilfsmittel vermögen einen Teil dieser Welt sichtbar zu machen. Schon eine einfache Geologenlupe, die ein Objekt 20-mal vergrößert, macht faszinierende Strukturen und Details sichtbar, die wir mit bloßem Auge nicht sehen können. Schauen Sie sich einmal einen Käfer, eine Fliege oder auch nur die Oberfläche Ihrer Haut mit solch einer Lupe an und Sie werden erstaunliche Details sehen. Mikroskope erlauben es uns, in eine noch tiefere Wirklichkeitsebene einzudringen. In einem Milliliter Wasser können sich bis zu einer Milliarde Bakterien befinden, aber das menschliche Auge sieht nur klares Wasser. Ein Elektronenmikroskop vergrößert den Inhalt der Flüssigkeit millionenfach und macht die Bakterien sichtbar. Unter dem Elektronenmikroskop verwandeln sich Objektoberflächen zu eindrucksvollen und bizarren Strukturen und Formen, zu regelrechten Mikrolandschaften. Atomkraftmikroskopen machen Atomstrukturen sichtbar, die ein 50-Milliardstel Millimeter groß sind.

Wir besitzen kein Sinnesorgan, um Radiowellen oder Röntgenstrahlen wahrnehmen zu können und unser Auge vermag es nicht, den Flügelschlag einer Stubenfliege zu sehen, der mehr als 300-mal in einer Sekunde stattfindet.

Für das Überleben des menschlichen Organismus war es beispielsweise nie von Bedeutung, dass er in der Lage ist, mehrere Hunderttausend oder mehrere Millionen Kilometer weit ins Weltall blicken zu können. Eine gute Sichtweite von mehreren hundert Metern reichte in der Regel aus, um eine Gefahr (z. Bsp. ein sich näherndes wildes Tier) rechtzeitig zu erkennen. Es sind vor allem die Neugier und der Wissensdurst, die Menschen dazu veranlasst haben, Geräte zu entwickeln, die es ermöglichen, Welten zu erforschen, die für unsere Sinnesorgane unzugänglich sind. Das drei Milliarden Dollar teure Weltraumteleskop Hubble, das in 575 Kilometern Entfernung von der Erde seine Runden dreht, fängt sichtbares Licht, Ultraviolettstrahlen und Infrarotstrahlen aus dem Weltall ein. Das Teleskop hat eine Sichtweite von mehreren Millionen Lichtjahren (ein Lichtjahr, das sind 9460 Milliarden Kilometer).

Die Welt, die wir sehen und erleben, ist auf unsere Bedürfnisse abgestimmt. Das ist zum Beispiel auch der Grund, warum große Zahlen unser Vorstellungsvermögen um ein Vielfaches übersteigen. Im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Lebens war es nie von Bedeutung für das Überleben eines Lebewesens, sich eine Milliarde vorstellen zu können (wie groß letztere Zahl wirklich ist, kann man besser verstehen, wenn man einmal ausrechnet, wie lange man bräuchte, um bis zu einer Milliarde zu zählen. Wenn Sie pro Sekunde eine Zahl aussprechen und ununterbrochen weiterzählen, bräuchten Sie dazu mehr als 31 Jahre).

Bei Tieren sind die Sinnesorgane ganz anders ausgebildet als beim Menschen, um ihren spezifischen Umwelt- oder Lebensbedingungen gerecht zu werden.

Adleraugen können noch über 1000 Meter Distanz gestochen scharf sehen (Adler besitzen in ihren Augen eine Million lichtempfindliche Sinneszellen pro Quadratmillimeter).

Der Geruchsinn eines Schäferhundes ist um ein Vielfaches dem des Menschen überlegen. Er ist mit 40-mal mehr Riechzellen ausgestattet: 200 Millionen gegenüber nur 5 Millionen beim Menschen.

Die Augen von Stubenfliegen können 250 Bilder pro Sekunde sauber voneinander trennen und sehen so die Bewegungsabläufe ihrer Umwelt, im Vergleich mit unseren Augen, stark verlangsamt.

Außer den Wirbeltieren und einigen Insekten hören die meisten Arten nichts. Zudem ist das, was die Hörenden wahrnehmen, abhängig von der Schallfrequenz. Fledermäuse und Delfine stoßen zur Orientierung «Schreie» aus, die oberhalb des Hörfrequenzbereichs des Menschen liegen (zwischen etwa 16 und 20 000 Hertz, also Schwingungen pro Sekunde), die wir also nicht hören können. Man bezeichnet diese Schallwellen als Ultraschallwellen. Künstliche Sinnesorgane, also Geräte, die diese Schallwellen tiefer legen und verlangsamen, machen sie erst für uns wahrnehmbar. Sehen können Fledermäuse aber nur Schwarz-Weiß. Farben wie Rot, Grün oder Blau gehören nicht zu ihrem Wahrnehmungsbereich. Könnten wir uns mit Fledermäusen unterhalten, gäbe es dennoch kein Mittel und keine Möglichkeit, ihnen klarzumachen, was Rot ist. Rot existiert ganz einfach nicht für Fledermäuse.

Es konnte nachgewiesen werden, dass Honigbienen (Bienen gehören zu den am besten erforschten Insekten) ultraviolettes Licht wahrnehmen können oder bestimmte Blüten Schwarz sehen, die der Mensch Rot sieht.

Zugvögel sind im Besitz eines Magnetkompasses für die Flugorientierung. Sie besitzen ein Sinnesorgan, mit dem sie das Magnetfeld der Erde wahrnehmen. Neuesten Forschungen zufolge sind die Magnetrezeptoren im Auge der Vögel lokalisiert, von wo aus die Informationen ans Gehirn weitergeleitet werden. Rätselhaft bleibt allerdings, wo genau und wie im Gehirn diese Informationen weiterverarbeitet werden. Für den Menschen gehörten die Magnetfelder der Erde lange Zeit nicht zu seinem Wahrnehmungsbereich, waren also streng genommen inexistent, bis zu dem Zeitpunkt, als erste Messungen dieser Felder mithilfe von Kompassen möglich wurden.

Schon der griechische Philosoph Demokrit (etwa 460-375 v. Chr.) vertrat die Ansicht, dass alle Eigenschaften der Umwelt, also zum Beispiel die Beschaffenheit eines Objekts (Farbe, Ausdehnung, Härtegrad usw.), rein subjektiver Natur sind. Die Farbe Rot oder Schwarz ist nicht eine objektive Eigenschaft eines bestimmten Gegenstandes, sondern lediglich ein dem wahrnehmenden Lebewesen zugehöriges Seherlebnis. Der Neurobiologe Beau Lotto sagt: «Die Farbe Rot ist kein Produkt der Welt, sie existiert nur dann, wenn wir sie erzeugen. Die Farbe Blau ist kein Teil der Welt, Wellenlängen haben keine Farbe. Wir stellen aus den Wellenlängen Wahrnehmungen her, die uns helfen, uns in der Welt zurechtzufinden».

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